«Vier, fünf Jahre wollte ich bleiben»

BALTERSWIL. Mit 19 Jahren kam Alfred Hinderling als Praktikant an die Primarschule Balterswil. Länger als erwartet hielt es ihn schliesslich dort. Nach 42 Jahren als Lehrer hat er heute seinen letzten Arbeitstag. Ein Jahr länger und er hätte die Enkeltochter einer ehemaligen Schülerin unterrichtet.

Thomas Ammann
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Alfred Hinderling spricht über seine lange Zeit an der Primarschule Balterswil. Wehmütig ist er nicht. (Bild: Nana do Carmo)

Alfred Hinderling spricht über seine lange Zeit an der Primarschule Balterswil. Wehmütig ist er nicht. (Bild: Nana do Carmo)

Balterswil. «Für Wehmut bleibt keine Zeit.» Alfred Hinderling sitzt im Lehrerzimmer des Primarschulhauses Balterswil. Seine Pensionierung steht unmittelbar bevor. «Momentan bin ich noch voll drin im Schulalltag. Aber ich freue mich auf die Zeit danach.» Keiner wird ihm das missgönnen. 42 Jahre lang unterrichtet Hinderling nun schon Primarschüler in Balterswil – obwohl Lehrer nicht seine Berufung war. «Die Berufsberaterin riet mir damals davon ab», erzählt er schmunzelnd. Trotzdem absolvierte Hinderling die Semi-Prüfung. «Als Absicherung, falls ich keine Lehrstelle gefunden hätte. Denn für die Arbeit in der Bäckerei meines Vaters hatte ich zu wenig Talent.»

Schliesslich ging der Appenzeller an die Pädagogische Hochschule Kreuzlingen. Damals war es üblich, während der Ausbildung ein Jahr lang Praktika in Schulen zu absolvieren. «Meine Eltern waren damals gerade nach Arbon gezügelt. Und ich wollte einfach so weit weg wie möglich von ihnen arbeiten», sagt Alfred Hinderling schmunzelnd. So verschlug es ihn 1967 nach Balterswil. Ein Kulturschock? Nicht für den Urnäscher. «Ich bin bei den Bauern aufgewachsen. In einer Stadt hätte ich mich viel schwerer getan.»

Per Handschlag vereinbart

Nach dem Praktikum ging es wieder zurück ans Semi. Doch kaum hatte er dieses abgeschlossen, klopfte die Balterswiler Schulleitung wieder bei ihm an. «Damals herrschte ein so akuter Lehrermangel, dass die Schulpräsidenten schon vor der Eingangstür des Semi standen und einem abpassten», sagt der 63-Jährige. Per Handschlag – ohne Vorstellungsgespräch – willigte Hinderling ein. «Das tönt jetzt verrückt: Damals rechnete ich mit vier bis fünf Jahren in Balterswil.»

Umzug Katastrophe für Kinder

Doch unverhofft kommt oft. Hinderling lernte in Balterswil seine spätere Frau kennen. Kurz darauf wurde ihm eine neue Lehrerwohnung zur Verfügung gestellt. «Da mussten wir natürlich noch etwas bleiben.» In dieser Zeit kamen die Kinder zur Welt – «für die wäre ein Umzug eine Katastrophe gewesen». Hinderling betont jedoch auch, dass es ihm immer sehr gefallen hat. «Ich hatte nie einen Grund, umzuziehen.» Seine Kinder sind mittlerweile 34, 35 und 37 Jahre alt, Hinderling selbst ist bereits Grossvater.

«Lehrer sind menschlicher»

Während der vergangenen 42 Jahre hat sich an der Schule und in der Gesellschaft viel verändert. Doch Hinderling hält fest: «Die Schüler sind nicht undisziplinierter als früher. Sie sind einfach direkter.» Dies hätten sie aber auch von den Eltern übernommen. «Früher hat eine Mutter vielleicht mal schüchtern nachgefragt, ob ich eventuell etwas weniger Hausaufgaben geben könne. Heute rufen die Eltern sofort die Schulleitung an, wenn ihnen etwas nicht passt.» Für Hinderling hat der Lehrer nicht mehr den Elite-Status von früher. «Die Lehrer sind angreifbar und menschlicher geworden. Hierarchien sind heute nicht mehr akzeptiert. Und die Leute nehmen auch kein Blatt mehr vor den Mund.»

Der 63-Jährige findet nicht, dass die Schüler früher lernbereiter und einfacher zu unterrichten waren. «Es gab auch vor 30 Jahren träge Klassen.» Vielmehr habe sich der Unterrichtsstil verändert. «In den 70er-Jahren war vieles neu. Eine Lochkarte zum Rechnen gab es damals nur in der Schule. Heute hat jeder Mittelstufenschüler einen Computer.» Die neuen Möglichkeiten, den Unterricht zu gestalten, stellten die Lehrer vor neue Herausforderungen. «Früher bestand der Unterricht aus schriftlichen und mündlichen Teilen. Heute gibt es viele Alternativen, weshalb die Schüler auch mehr Abwechslung fordern.» Alfred Hinderling hat sich diesen Neuerungen gestellt. «Heute ist die Unterrichtsform wichtiger als der Inhalt.»

Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Alfred Hinderling hat schon mehrere Generationen Balterswiler Familien unterrichtet – im nächsten Jahr kommt das erste Enkelkind einer ehemaligen Schülerin von Hinderling in die Primarschule Balterswil. «An den Elterngesprächen höre ich viel: <Das haben Sie zu uns auch schon gesagt.>» Viele würden sich in ihren Kindern aber auch wiedererkennen. «Wenn der Vater schwach in Mathe war, ist das beim Sohn oft ähnlich. Entsprechend hat er auch Verständnis.»

Hinderlings Start als Lehrer war mühsam. «Ich hatte einen schwierigen Schüler und musste beissen. Alles Theoretische aus dem Semi half da nichts.» Heute ist er dafür dankbar. «Ich hatte 42 Jahre lang kaum Probleme und war immer akzeptiert.» Nun kann der Appenzeller seinen verdienten Ruhestand geniessen. Etwas Konkretes vor hat er nicht. «Ich werde sicher etwas am Haus arbeiten. Und ich habe eine grosse Familie.» Eine Rückkehr ins Schulzimmer schliesst er aus. Mit diesem Kapitel will Hinderling abschliessen.