Verwechslungen «wie närrsch»

Irrungen und Wirrungen auf Schloss Werdenberg: Flott und entstaubt inszeniert Barbara Klimo bei den Schlossfestspielen Albert Lortzings «Wildschütz». Chor und Solisten überzeugen mit erfrischender Spielfreude.

Julia Nehmiz
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Wilder Reigen der Gefühle: Der biedere Baculus trifft auf die poppig-bunte Plastikwelt Gretchens (mit grüner Perücke) und ihrer Freundinnen. (Bild: Ralph Ribi)

Wilder Reigen der Gefühle: Der biedere Baculus trifft auf die poppig-bunte Plastikwelt Gretchens (mit grüner Perücke) und ihrer Freundinnen. (Bild: Ralph Ribi)

WERDENBERG. Diesen Opernabend muss man sich erst erschnaufen. Doch das ungewöhnliche Theaterfoyer entschädigt für die Mühen des Aufstiegs – Schloss Werdenberg bietet an diesem lauen Sommerabend eine eindrückliche Kulisse für Albert Lortzings «Wildschütz» von 1842. Passend auch das Bimmeln der Schafe, die hinter der Schlossmauer grasen, spielt der «Wildschütz» doch auf dem Lande und in einem Schloss.

Aberwitzige Verkleidungsspiele

In der Operngeschichte wohl einmalig knallt in der Ouverture ein Schuss, an den die Handlung anknüpft: Schulmeister Baculus hat für sein Hochzeitsfest mit Gretchen einen vermeintlichen Bock im gräflichen Garten geschossen. Der Schütze wurde ertappt und wegen Wilderei seines Amtes enthoben.

Die Handlung zu erläutern würde den Rahmen sprengen – nur so viel: Es entspannt sich ein aberwitziges Verkleidungs- und Verwechslungsspiel, in dem die als Mann verkleidete Baronin Freimann (die Schwester des Grafen) auftritt, um inkognito den für sie vorgesehenen Ehemann Baron Kronthal (den Bruder der Gräfin) kennenzulernen. Dieser wiederum lebt unerkannt als Stallmeister auf dem Schloss, um seine zukünftige Baronin heimlich zu inspizieren. Der Verwechslung nicht genug verkleidet sich Baronin Freimann als Gretchen, um beim Grafen für Baculus ein gutes Wort einzulegen. Nach einer wilden Gewitternacht mit einer Partie Billard (herrlicher Regieeinfall, die Partie elektronisch mit einer Spielkonsole auszutragen) und einem unmoralischen Angebot kommt es doch noch zum Happy End samt frohem Schlusschor.

Wild und quirlig wie die Handlung geben sich auch Inszenierung und Darsteller. Allen voran die 35 Mitglieder des erstaunlichen Laienchors, die präzise und mit grosser Spiellust in verschiedene Rollen schlüpfen.

In der Ausstattung von Veronika Stemberger und mit Videoinstallationen von Philipp Westerbarkei hat Regisseurin Barbara Klimo ein lebendiges Musikschauspiel inszeniert, die Figuren genau gezeichnet, deren Komik und die Gesellschaftskritik Lortzings gekonnt ins Heute verlegt.

Die Sänger geben sich mit Verve ihren Rollen hin. Mit schillerndem Sopran und flirrender Leichtigkeit fegt Sabine Winters Gretchen über die Bühne. Knallig pink wie ihr Kostüm rauscht ihr lustvolles Spiel über den Orchestergraben. Dem entgegengesetzt der biedere Schulmeister Baculus, den Christian Wiestner mit schön verklemmter Körperlichkeit ausstattet.

Glänzendes Ensemble

Ein Traumpaar – darstellerisch wie stimmlich – sind der strahlende Tenor des Nik Kevin Koch als Baron und Renate Fankhauser als Baronin mit klarem Sopran. Wunderbar exaltiert gibt Caroline Büchel die Gräfin. Auch wenn es Baritone geben mag mit schöneren Stimmen, der Graf des Hermann Kiebacher ist ein Volltreffer.

Das Ensemble glänzt bis in die Nebenrollen: Eine Entdeckung die junge Buchserin Anna Gschwend, deren Nanette in wenigen Auftritten mit Natürlichkeit überzeugt. Zum Publikumsliebling avanciert der Pankratius des Ernst Volker Schwarz, dem zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in breitestem Sächsisch ein herzhaftes «wie närrsch» entfährt.

Auch unter der Bühne gibt es volle Kost: Dirigent Günther Simonott und die 42 Musiker der Sinfonietta Vorarlberg lassen einen ausdrucksstarken Lortzing aus dem Orchestergraben sprudeln. Das Publikum der ausverkauften Premiere feiert den Werdenberger Wildschützen mit kräftigem Applaus.

Nur schade, dass Schloss und Panorama keinen Platz finden in der überdachten Kulisse. Wer die Stufen vom Schloss hinabsteigt, wird von der lauen Sommernacht umfangen. Und wie kann ein Opernabend schöner ausklingen als mit zirpenden Grillen und Bergen, die in der Nacht versinken.

Infos und Tickets unter www.schlossfestspiele.ch