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VERWALTUNGSGERICHT: Integration misslungen

Ein sehbehinderter kaufmännischer Angestellter erträgt den Druck nicht, den seine Chefin auf ihn ausübt. Nun klagt er gegen die Arbeitslosenkasse Thurgau. Diese hat 20 Einstelltage verfügt.
Thomas Wunderlin
Der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen ist hoch. (Archivbild Ralph Ribi)

Der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen ist hoch. (Archivbild Ralph Ribi)

Entspannt steht ein 25-jähriger KV-Absolvent vor den drei Thurgauer Verwaltungsrichtern und erzählt von der schwierigen Zeit, in der er vor Angst nicht mehr schlafen konnte. Bei der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen (SVA) hatte er am 3. Januar eine Stelle angetreten. Der sehbehinderte Amriswiler bekam die Chance, ausserhalb geschützter Werkstätten im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Stelle war auf sechs Monate befristet – mit der Option auf eine unbefristete Anstellung. Die Klienten der SVA sind unter anderem Leute wie er, die sich nur mit Mühe auf dem Arbeitsmarkt behaupten können. In seinem Fall setzte die SVA ihren Grundsatz «Integration vor Rente» im eigenen Hause um. Doch nach zwei Monaten verliess der Begünstigte die Stelle «in gegenseitigem Einvernehmen».

Die zuständige Arbeitslosenkasse Thurgau fand, den Sachbearbeiter treffe ein «mittelschweres Verschulden» an seiner Arbeitslosigkeit und verfügte 20 Einstelltage: Dadurch würden ihm rund 3000 Franken entgehen, wenn das Verwaltungsgericht seine Klage abweist. Es gehe ihm nicht ums Geld, sagt der Sehbehinderte. Er wolle nicht als Sozialschmarotzer stigmatisiert werden. «Ich finde es eine Katastrophe, wie die Arbeitslosenkasse Thurgau mit mir umgeht», beschwert er sich bei den Verwaltungsrichtern.

Arbeiten mit zwei Bildschirmen war schwierig

In der Anhörung erhebt er vor allem Vorwürfe gegen die SVA St. Galllen. Dort war er für Mutationen und Anmeldungen zuständig. Die Vorgabe, auf zwei Bildschirmen gleichzeitig zu arbeiten, machte ihm die Arbeit fast unmöglich. Denn wegen der aussergewöhnlich kleinen und komplexen Darstellung habe er fast ausschliesslich mit der Bildschirmlupe arbeiten müssen, sagt der ehemalige SVA-Mitarbeiter. Er erklärte seiner Abteilungsleiterin, er könne ihren Anforderungen entsprechen, wenn er auf einem einzigen Bildschirm arbeiten dürfe. Sie sei wütend geworden und habe erklärt, in ihrer Abteilung sei es unumgänglich, auf zwei Bildschirmen zu arbeiten, da oft zwei Dokumente miteinander zu vergleichen seien. «Nach drei Wochen begann sie, grossen Druck auszuüben.» Die Abteilungsleiterin sei «immer aggressiver» geworden und habe ihn gemobbt. Einmal habe sie ihm gesagt, zum Glück haben er einen befristeten Vertrag, sonst müsste man ihm kündigen. Als 18-jähriger hatte der Mann mit den auffallend hellgrünen Augen wegen einer Erkrankung des zentralen Sehnervs eine Malerlehre abbrechen müssen, erzählt er am Rande der Gerichtsverhandlung in Weinfelden. Sein Sehvermögen schrumpfte auf 3 Prozent; mittlerweile sieht er auf dem rechten Auge wieder zu 30 bis 40 Prozent. Er liess sich auf Büroarbeit umschulen. 2014 machte er den besten KV-Abschluss in einer Klasse, in der er der einzige Behinderte gewesen sei. Er absolvierte mehrere Praktika, unter anderen bei der Thurgauer Kantonalbank und der UBS. Nach seinen Angaben konnte er die Arbeit problemlos erledigen. Dabei nutzte er bei Bedarf die Bildschirmlupe, die beim Betriebssystem Windows zur Grundausstattung gehört.

Um die Vorgaben zu erfüllen, die ihm seine Chefin machte, absolvierte der SVA-Sachbearbeiter bis zum Ende seines Arbeitsverhältnisses 58 Überstunden. In der Produktionsstatistik nicht berücksichtigt wurde die Zeit, die er mit einem IT-Spezialisten der SVA auf der vergeblichen Suche nach einer Lösung seines Problems vertrödelte. Dadurch musste er noch schneller arbeiten. Der Sachbearbeiter verspannte sich im ganzen Körper. Zeitweise konnte er den Kopf nicht mehr drehen. Bei einem Hausarzttermin brach er in Tränen aus. Der Arzt schrieb ihn krank. Schon nach zwei Tagen liessen die körperlichen Schmerzen nach und er konnte wieder normal schlafen. Da entschied er sich, seiner Gesundheit Vorrang zu geben.

SVA weist Vorwürfe zurück

Die Klage des ehemaligen SVA-Sachbearbeiters sei zu wenig begründet, erklärt der Vertreter der Arbeitslosenkasse Thurgau. «Auch wir arbeiten mit zwei Bildschirmen, auf einem davon mit Lupe.» Für die Mobbing-Vorwürfe fehlten die Beweisunterlagen. Das «systemische Verhalten» über längere Zeit sei nicht nachgewiesen. Gemäss Bundesgericht reichten dafür zwei Monate nicht. Das Thurgauer Verwaltungsgericht wird über das weitere Vorgehen schriftlich orientieren.

Die SVA St. Gallen weist auf Anfrage die Vorwürfe ihres ehemaligen Mitarbeiters «vollumfänglich zurück». Auf Details könne sie aus Gründen des Datenschutzes nicht eingehen. Bei der SVA St. Gallen seien einige «Personen angestellt, die eine gesundheitliche Beeinträchtigung aufweisen», teilt Mediensprecher Reto Pfändler mit. Solche Personen würden auch immer wieder für Praktika eingestellt, aus denen teilweise Festanstellungen würden.

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