Verunsicherung im Thurgau nach Bohrstop

FRAUENFELD. Vor dem nächsten Entscheid über die Standorte für ein Atommüllendlager wird es keine Sondierbohrungen mehr geben. Das sei ein Vorentscheid fürs Weinland, fürchten dort Politiker. Der mitbetroffene Thurgau hält das Verfahren aber für fair.

Christof Widmer
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Im zürcherischen Benken führte die Nagra in den 90er-Jahren Sondierbohrungen durch. (Archivbild: ky/Martin Rütschi)

Im zürcherischen Benken führte die Nagra in den 90er-Jahren Sondierbohrungen durch. (Archivbild: ky/Martin Rütschi)

Die atomkritischen Kreise fühlen sich bestätigt in ihrem Misstrauen gegen die Art und Weise, wie nach einem Atommüllendlager gesucht wird. Weitere Sondierbohrungen seien für die nächsten Entscheide nicht nötig, erklärte kürzlich das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). Die sechs noch zur Auswahl stehenden Standorte könnten auch so geprüft und auf vier reduziert werden. Das soll laut Fahrplan bis 2016 geschehen.

Von Bedeutung ist die Frage auch für den Thurgau, weil ein möglicher Endlagerstandort für hochradioaktive Abfälle im Zürcher Weinland liegt. Sollte das Endlager dort gebaut werden, könnte der Zugang sogar über Thurgauer Gebiet führen.

Vorentscheid fürs Weinland?

Im Weinland hat der Ensi-Entscheid hohe Wellen geworfen. Im Gegensatz zu den anderen Standorten ist dort der Untergrund mit einer Tiefenbohrung gut erforscht. Selbst bürgerliche Politiker ziehen jetzt die Zusicherung des Bundes in Frage, dass alle Standorte nach denselben Kriterien beurteilt würden. Im Klartext: Die Weinländer fürchten, dass der Ensi-Entscheid auch ein Vorentscheid für das Weinland ist.

Erstaunt über das Vorgehen ist auch die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher. «An allen Standorten muss man in die gleiche Tiefe gehen», fordert sie. Die Mehrkosten für Bohrungen lohnten sich angesichts der zeitlichen Dimensionen, für die ein Endlager gebaut wird.

«Keinen Grund zur Panik» sieht dagegen der Thurgauer Umweltdirektor Jakob Stark. Der vorläufige Verzicht auf Tiefenbohrungen widerspreche nicht der Forderung nach vergleichbaren Daten für alle Standorte. Schliesslich sei eine ganze Reihe von anderen Untersuchungen vorgesehen, so etwa seismische Messungen.

Kantone werden Daten prüfen

Trotzdem verfolgen die betroffenen Kantone die Abklärungen mit Argusaugen. Sie werden die Datenbasis genau prüfen, bevor der Bund 2016 entscheidet, welche vier Standorte im Rennen bleiben, kündigt Jürg Hertz, Chef des Thurgauer Amts für Umwelt an. Für diese vier Standorte seien dann aber so oder so Tiefenbohrungen vorgeschrieben.

Zum Ensi-Entscheid nicht äussern wollen sich GP-Kantonsrat Toni Kappeler, Vorstandsmitglied der Allianz gegen neue Atomkraftwerke, und SVP-Kantonsrat Urs Martin, Präsident der Thurgauer Sektion der Aktion für eine vernünftige Energiepolitik Schweiz. Kappeler hält aber das Weinland für nicht geeignet für ein Endlager, Martin pocht wie die Regierung auf vergleichbare Daten.

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