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Versorgung – ein düsteres Kapitel

ST.GALLEN. Auch im Kanton St. Gallen wurden jahrzehntelang Menschen weggesperrt, bloss weil sie unangepasst waren. Zwar wird heute das Unrecht anerkannt, das den administrativ Versorgten geschah. Doch mit der Aufarbeitung hapert es.
Ralph Hug
Gina Rubeli ist eine jener Personen, die eine Karriere als «Versorgte» durchmachen musste. (Bild: Anita Schlaefli)

Gina Rubeli ist eine jener Personen, die eine Karriere als «Versorgte» durchmachen musste. (Bild: Anita Schlaefli)

St.Gallen. Im September 2010 entschuldigte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in der Berner Strafanstalt Hindelbank bei all jenen, denen durch eine administrative Versorgung durch Vormundschaftsämter und Fürsorgebehörden Unrecht geschehen war. Zwischen 1942 und 1981 wanderte eine unbekannte Anzahl von meist jungen Erwachsenen teils jahrelang hinter Gitter, ohne dass sie eine Straftat begangen hätten. Sie wurden weggesperrt, weil sie unangepasst und nonkonform waren. Man sagte, sie seien «liederlich» oder «arbeitsscheu».

Akten kaum erforscht

Wie viele solcher Opfer behördlicher Willkür es im Kanton St. Gallen gab, bleibt bis heute im dunkeln. Es gebe keine Angaben über «die administrativen Versorgungen», erklärte unlängst die Regierung auf einen Vorstoss von Kantonsrat Meinrad Gschwend (Altstätten). Dies darum, weil die kommunalen Behörden zuständig waren. Deren Akten, soweit noch vorhanden, sind bis heute praktisch unerforscht.

Es muss von einer grossen Dunkelziffer ausgegangen werden. Erste Untersuchungen in den Kantonen Bern und Basel ergaben Hunderte von Fällen. Damit in St. Gallen keine Akten verschwinden, hat das kantonale Departement des Innern vergangenes Jahr die Gemeinden aufgefordert, keine Dokumente zu entsorgen.

Die Last der Entscheide

Im Kanton St. Gallen gab es Zwangseinweisungen durch Fürsorgeämter bis ins Jahr 1971. Danach änderte die Gesetzeslage aufgrund der Menschenrechte. «Die administrative Versorgung wurde als Hilfe deklariert, doch sie war nichts anderes als eine Bestrafung», sagt die 59jährige Gina Rubeli, eine Betroffene. Sie wuchs in Altstätten auf und landete wegen ihres Lebensstils in der Psychiatrischen Klinik Wil sowie später in der Strafanstalt Hindelbank (siehe Kasten). «Die Opfer tragen noch heute die Last der damaligen Fehlentscheide», sagt Meinrad Gschwend.

Die Regierung drückte ihr Bedauern darüber aus, dass Personen teils lebenslängliche Benachteiligungen in Kauf nehmen mussten. Sie will daher die Aufarbeitung des düsteren Kapitels unterstützen. Noch fehlen jedoch Forschungen, wie sie etwa bei den Verdingkindern in Gang kamen. Darüber hinaus sieht die Regierung keinen Handlungsbedarf. Der läge bei den Gemeinden. «Dort ist die Bereitschaft gering, sich der Vergangenheit zu stellen», weiss Gschwend. Als Beispiel dient ihm ein Politiker, der damals im Fall Rubeli verantwortlich war. Er wolle nicht ausschliessen, dass Fehler passiert seien, doch er habe sich nichts vorzuwerfen, meinte der Mann auf Anfrage. Laut Gschwend waren viele Fürsorgeämter überfordert; sie hätten auf komplexe Problemfälle mit der Wegsperrung reagiert. Gschwend ist überzeugt, dass es zahlreiche ähnliche Fälle gibt, die noch ungekannt sind.

Keine Entschädigung

Mit der bundesrätlichen Entschuldigung ist der Skandal der administrativen Versorgung nicht abgeschlossen. SP-Nationalrat Paul Rechsteiner hat eine überparteiliche Initiative eingereicht. Sie verlangt eine gesetzliche Rehabilitierung der Opfer mit voller Akteneinsicht und historischer Aufarbeitung. Eine Entschädigung ist nicht vorgesehen.

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