Vernetzen und Brücken bauen

Beim Unternehmer-Apéro standen nicht nur Industrie und Gewerbe im Fokus, sondern auch die Politik. Interessante Einblicke gewährte Nationalrat Hermann Hess.

Margrith Pfister-Kübler
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Hermann Hess im Gespräch mit den Stadträten Gregor Rominger, Jonas Füllemann und Stadtpräsident Roger Forrer. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Hermann Hess im Gespräch mit den Stadträten Gregor Rominger, Jonas Füllemann und Stadtpräsident Roger Forrer. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

unterseerhein@thurgauerzeitung.ch

Der Grossaufmarsch von über 50 Vertretern und Vertreterinnen der Industrie, Gewerbe-, Klein- und Mittelbetriebe in der Aula des Sekundarschulhauses am Freitagabend begeisterte. Stadtrat Jonas Füllemann, Ressort Wirtschaft und Tourismus, nannte gleich zu Beginn, was in Steckborn anders ist. Dazu nahm er die Vogelperspektive zu Hilfe: «Wir haben nur 180 Grad, um Kunden zu gewinnen, und nicht 360 Grad wie etwa die Stadt Frauenfeld. Das ist unsere besondere Herausforderung.»

Zur Vergrösserung des Netzwerkes und der Anbahnung neuer Kontakte trug besonders der 66-jährige FDP-Nationalrat Hermann Hess bei, dessen Rücktritt als Nationalrat per 26. November wirksam wird. Dynamisch sprach er über seine politischen Erfahrungen und über sein Unternehmerleben, das nicht nur Hochs, sondern auch Tiefs brachte. Mit Blick auf die Lokal-TV-Kamera rief er: «Lieber Cousin Martin . . .» Der pensionierte Sekundarlehrer Martin Hess und Präsident des Steckborner Lokalfernsehens präzisierte: «Cou-Cousin, unsere Grossväter waren Brüder.» Dann legte Nationalrat Hess einen fulminanten Erfahrungsbericht mit politischen und unternehmerischen Gedanken hin. «Brücken bauen zwischen Unternehmertum und Politik, gegenseitiges Verständnis fördern, das ist wichtig.» Er schälte die Unterschiede heraus: Unternehmer drücken aufs Tempo, streben vorwärts, sind getrieben von der Konkurrenz – ein Parlament habe keine unternehmerische Komponente. Deshalb seien Behörden gut ­beraten, wenn sie die unternehmerischen Player unterstützen. Hess, fünfte Generation aus einer Amriswiler Textilfamilie, die einst 700 Leute beschäftigt, liess den Sinkflug des Textilunternehmens und seine Sorgen miterleben. «Jetzt bin ich bei den Immobilien gelandet. Wir sind Pro­blemlöser von brachliegenden Immobilien.» Der Fokus liege auf Gewerbe-Immobilien, also keinen Wohnungen, sondern Hotels und Tourismus. Auch in die Schifffahrt sei er eingestiegen, und die sei inzwischen profitabel.

Lobgesang für Politiker, Klagelied auf Vorschriften

Er stufte sich als «grossen, aber kritischen Patrioten» ein und lobte die thurgauischen Politiker, weil sie «nahe an der Sache sind». Aber er beklagte: «Die Vorschriften werden ständig komplexer.» Gute Karten habe Steckborn, so Hess, begünstigt durch die Lage: Arbeitsplätze und Wohnen und die Nähe zum Raum Zürich. Beim anschliessenden Apéro wurden intensiv vertiefte, persönliche Gespräch geführt.

Laut kantonaler Statistik gibt es in Steckborn 259 Arbeitsstätten mit insgesamt 1118 Vollzeitstellen. Noch 1970 beschäftigten allein die Kunstseidenfabrik und die Bernina Nähmaschinenfabrik AG insgesamt 2500 Personen. «In den vergangenen 40 Jahren ist Steckborn von einer Industriestadt zu einer Wohnstadt mit vielen kleinen Betrieben mutiert», so Füllemann.