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Vermutlich schuldig

Thursicht
Thomas Wunderlin

Im Zusammenhang mit Strafverfahren äussern Journalisten und Staatsanwälte oft den Satz: Es gilt die Unschuldsvermutung. Objekt der vermuteten Unschuld kann ein Tierquäler aus Hefenhofen sein oder ein Walliser Nationalrat, der Frauen belästigt haben soll. Oft handelt es sich um eine leere Formel oder ein Feigenblatt. Sie ist aber auch schwer zu erfüllen.

Gemäss der Europäischen Menschenrechtskonvention wird bis zum gesetzlichen Nachweis der Schuld vermutet, dass ein Angeklagter unschuldig sei. Die Bestimmung richtet sich an Behörden. Medien tun gut daran, sie auch zu beachten. Denn ihnen fehlen die umfassenden Mittel, mit denen die Justizbehörden Vorwürfe abklären. Wenn diese aber ermitteln, dann müssen sie mindestens ansatzweise eine Schuld vermuten. Sonst würden sie es ja nicht tun. Sie müssen jedoch in alle Richtungen ermitteln und bedenken, dass die Vorwürfe unbegründet sein könnten.

Werden Vorwürfe und Ermittlungen öffentlich bekannt, entwickelt sich unter Umständen ein Skandal daraus. Skandale sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Soziologen vergleichen sie mit archaischen Ritualen, die in einem Sühne­opfer gipfeln. In moderner Zeit kann dieses die Form eines Rücktritts annehmen. Wird in Medienberichten eine Anklage unablässig wiederholt, gegen einen Nationalrat oder einen Kantonstierarzt, dann glaubt das Publikum an seine Schuld. Ob ein Gericht irgendwann zu einem andern Schluss kommt, ändert wenig daran. Auch die Unschuldsvermutung nicht.

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

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