VERKEHRSUNFÄLLE: Einmal nicht nach rechts geschaut

Im Kanton Thurgau gibt es immer mehr Unfälle, weil der Vortritt missachtet wird. Besonders gefährlich sind solche Situationen für die schwächeren Verkehrsteilnehmer wie Velofahrer und Fussgänger. Gefragt ist nun auch die Politik.

Nina Rudnicki
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Mangelnde Aufmerksamkeit: Ein grosser Teil der Unfälle im Thurgau ist auf eine Missachtung des Vortritts zurückzuführen. (Bild: Benjamin Manser)

Mangelnde Aufmerksamkeit: Ein grosser Teil der Unfälle im Thurgau ist auf eine Missachtung des Vortritts zurückzuführen. (Bild: Benjamin Manser)

Nina Rudnicki

nachrichten@ostschweiz-am-sonntag.ch

Ein Velofahrer fährt frühmorgens auf einer Landstrasse. Plötzlich wird er von einem ihm entgegenkommenden Auto gerammt, das links in eine Nebenstrasse abbiegt. Der Mann wird mit schweren Verletzungen ins Spital gebracht: Wer sich durch die Meldungen der Kantonspolizei Thurgau klickt, findet zahlreiche solche Unfälle, bei denen der Vortritt missachtet wurde. Häufig sind Velofahrer involviert. Aber da gibt es auch den Motorradfahrer, der in einem Kreisel stürzt, weil ihn ein Autofahrer beim Einfahren übersehen hat. Hinzu kommen Meldungen mehrerer Auffahrkollisionen. Sie geschehen beispielsweise, weil ein Autofahrer abrupt bremst, da ihm ein entgegenkommendes Fahrzeug beim Abbiegen die Vorfahrt nimmt. Auch die aktuelle Verkehrsstatistik von 2016 bestätigt: Unfälle wegen missachteter Vorfahrt gehören zu den häufigsten Unfallursachen im Kanton. Doch wieso ist das so? Sind die Signalisationen ungenügend? Sind die Verkehrsteilnehmenden zu wenig aufmerksam? Und wie sinnvoll wären regelmässige Verkehrskurse als Prävention?

Kreiselfahren, Rechtsvortritt und Linksabbiegen

Doch zunächst zu den Zahlen: Gemäss aktueller Unfallstatistik gab es 2016 im Kanton insgesamt 683 Unfälle mit Sachschaden und 566 mit Personenschaden. Ein grosser Teil dieser Unfälle passierte – weil der Vortritt missachtet wurde. So zählt die Statistik 149 Vortrittsunfälle mit Sachschaden und 243 Vortrittsunfälle mit Personenschaden. Auffallend ist auch, dass die meisten dieser Unfälle trotz der festen Signalisation «Kein Vortritt» passiert sind. Häufige Unfallursache ist ausserdem das Linksabbiegen vor Gegenverkehr.

Am nächsten dran an der Vortrittsproblematik sind die Fahrlehrer. Sie sind jeden Tag im Strassenverkehr unterwegs. «Das Problem sind nicht die jungen Fahrerinnen und Fahrer», sagt etwa Roland Sifrig von der Kreuzlinger Fahrschule Sifrig. «Problematischer wird es, wenn jemand zwanzig, dreissig Jahre Auto fährt. Dann hat er das Gefühl, die Verkehrsregeln zu beherrschen, was aber oftmals nicht der Fall ist.» Sifrig spricht aus eigener Erfahrung. Als er vor rund zwanzig Jahren die Ausbildung zum Fahrlehrer machte, glaubte er, einer der besten Autofahrer zu sein. «Ich kam allerdings ganz schön auf die Welt», sagt er. «Es gibt so viele Situationen, in denen man annimmt, vortrittsberechtigt zu sein, nur weil die Strasse, auf der man fährt, breiter ist oder es keine Bodenmarkierungen gibt.» Vor einiger Zeit habe er einen Kollegen, der ebenfalls glaubte, die Verkehrsregeln im Schlaf zu beherrschen, eine Theorieprüfung lösen lassen. Das Resultat: 35 Fehler, statt der erlaubten 15. Dabei gebe es eigentlich nur drei Regeln, die man bezüglich Vortritt beherrschen müsse: Kreiselfahren, Rechtsvortritt und Linksabbiegen vor Gegenverkehr.

Mit Kursen das Wissen auffrischen

Die Sektion Thurgau des Touring-Clubs der Schweiz (TCS) führt als präventive Massnahme Kurse durch, in denen Autofahrer ihr Wissen auffrischen können. Es finden zwei bis drei Kurse pro Monat mit durchschnittlich zwölf Personen statt. Diese sind laut Yvonne Gasser, Vizepräsidentin des TCS Thurgau, meist mittleren Alters und melden sich aus Eigen­initiative und Interesse an. Sie können beispielsweise den Kreiselkurs absolvieren. Dieser dauert drei Stunden, beinhaltet einen Theorieteil und eine Fahrt zwischen Kreuzlingen und Weinfelden mit 26 Kreiseln. Eine weitere Möglichkeit ist «Autofahren heute», der vor allem bei Personen ab 60 Jahren beliebt ist. Mit speziell ausgebildeten Fahrlehrern werden sie während einer Theoriestunde und einer Testfahrt auf den neusten Stand gebracht. «Dank verschiedener Kampagnen sind die Menschen sensibilisiert», sagt Gasser. «Wegen des demografischen Wandels gibt es zudem mehr ältere Autofahrer. Die Nachfrage nach unseren Kursen nimmt also zu.»

Das Angebot des TCS sei toll, sagt auch Eddie Kessler, Vorstandsmitglied von Pro Velo Thurgau. Das Problem sei allerdings, dass an solchen Kursen vor allem Personen mitmachen würden, denen das Thema sowieso schon bewusst sei. «Jene, die es am nötigsten hätten, sind hingegen selten interessiert», sagt er. An diesem Punkt müsste die Politik ansetzen. Denn gerade bei Vortrittsunfällen seien die schwächeren Verkehrsteilnehmer wie Fussgänger und ­Velofahrer besonders gefährdet. «Die Kreisel und Velowegübergänge bei ­Kreuzungen sind unsere Achillesferse.» Darauf macht auch die aktuelle Kampagne des Bundes «Vorsicht beim Vortritt» aufmerksam. Die Plakate sind derzeit schweizweit im Strassenverkehr zu ­sehen.

«Alle kritischen Verkehrssituationen geregelt»

Das Tiefbauamt trägt ebenfalls dazu bei, dem Risiko von Vortrittsunfällen entgegenzuwirken. Die Verkehrssituation, hauptsächlich an Kreuzungspunkten, werde fortlaufend analysiert, sagt Benedikt Eberle, stellvertretender Kantonsingenieur. Mittlerweile seien auf Kantonsgebiet alle bekannten kritischen ­Verkehrssituationen geregelt. Dies sei möglich, indem man entweder die Signalisation «Stop» oder «Kein Vortritt» anbringe. Zudem sei man mit den Gemeinden in Kontakt, damit diese bei unübersichtlichen Einmündungen Büsche, Hecken und Tafeln beseitigen würden. «Denn die beste Verkehrsregelung nützt nichts, wenn die Sichtverhältnisse ungenügend sind», sagt er. Die Anzahl Unfälle mit Personenschaden nach Vortrittsmissachtungen hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Gründe, die praktisch alle Organisationen nennen, sind die steigende Anzahl Verkehrsteilnehmer sowie die immer komplexeren Verkehrsverhältnisse. Die Kampagnen und Sensibilisierungsmassnahmen sind also dringend nötig. Denn häufigster Grund für Vortrittsunfälle ist gemäss Kantonspolizei mangelnde Aufmerksamkeit der Fahrzeuglenkenden.

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