«Vergesst die Kamera»

Peter Gall will seine Aadorfer Schüler durch praktische Förderung an die Berufswelt annähern. Um das Projekt «Lift» auch an anderen Schulen bekannt zu machen, dokumentiert ein Filmteam die Jugendlichen bei der Arbeit.

Sereina Capatt
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Im Fokus der Kameras: Lehrer Peter Gall erklärt seinen Schülern wie ein Arbeitsbericht aussehen soll. (Bild: Nana do Carmo)

Im Fokus der Kameras: Lehrer Peter Gall erklärt seinen Schülern wie ein Arbeitsbericht aussehen soll. (Bild: Nana do Carmo)

AADORF. «Wir arbeiten miteinander, verhaltet euch so, als wäre die Kamera gar nicht da», sagt Lehrer Peter Gall. Eine Szene wie beim Dreh eines Hollywoodfilmes. Ein Kameramann, begleitet von einem Tontechniker, geht durch die Schulbänke. Die Aadorfer Schüler lächeln verlegen. Sie sind den Rummel um ihre Personen nicht gewohnt. Doch Klassenlehrer Gall schafft es, den Schulbetrieb fortzusetzen. Gelassen versammelt er die zwölf Schüler um einen Tisch und die Klasse stimmt ein Lied an. «Du fragst dich, was dein Leben bringt? Eins ist gewiss, dass hier niemand einsam ist», singen sie. Die Kameramänner halten drauf. Sie erstellen eine Dokumentation über das Projekt «Lift» (siehe Kasten).

«Die Schüler sind nicht schräg»

«Keiner meiner Schüler hat mich je enttäuscht», sagt Peter Gall. Er hat die Kleinklasse vor zwei Jahren übernommen. «Viele der Schüler haben soziale Probleme oder einen Migrationshintergrund.» Es sei ihm ein Anliegen, die Schüler bei der Vorbereitung für die Berufswelt zu unterstützen. Deshalb führte er Anfang Jahres das Projekt «Lift» ein.

Die Schüler arbeiten einen Nachmittag pro Woche in einem Betrieb. Darüber schreiben sie wöchentlich einen Bericht, den sie nun den Mitschülern vortragen. Die 14jährige Suelja arbeitet in einer Papeterie. «Ich durfte wieder im Lager arbeiten. Das hat mir sehr gut gefallen», liest sie ihrer Klasse vor. Ausserdem sei es ein schönes Gefühl, jede Woche einen kleinen Lohn zu bekommen. Die Schüler verdienen zwischen fünf und sieben Franken pro Stunde.

Raphi, der als Sanitärinstallateur schnuppert, berichtet von der Montage, während Kevin von seiner Arbeit als Maurer erzählt. Auf ihn sind die Kameramänner besonders fixiert. Am Nachmittag wird Kevin vom Filmteam bei seiner Arbeit begleitet. «Seit April bin ich bei der Firma Bachmann angestellt und ich arbeite sehr gerne dort», sagt der 16-Jährige.

Vom Rockmusiker zum Arbeiter

Gemeinsam geht die Klasse in den Computerraum wo Peter Gall Fotos von den Schülern bei der Arbeit zeigt. Auf einem Foto ist Sascha zu sehen. Er arbeitet beim Eisenwarenhändler Ochsner. «In deinem Hemd und mit der gepflegten Frisur siehst du aus, als ob du richtig ins Team gehörst. Früher sahst du eher aus wie ein wilder Rockmusiker», sagt Gall und die Klasse lacht. Doch danach gilt es wieder ernst: Die neuen Arbeitsberichte müssen vorbereitet werden. Wieder ist das Kamerateam bei Kevin und schaut ihm über die Schultern. Der Schüler gibt sich sichtlich am Computer Mühe, im perfekten Zehnfingersystem zu schreiben. Dafür erntet er Lob und ein Schulterklopfen vom Lehrer. «Beim Projekt <Lift> geht es nicht darum, dass die Schüler ein bisschen arbeiten gehen. Sie müssen über die Arbeit Berichte schreiben, werden bewertet und stehen mit den Arbeitgebern ständig in Briefkontakt», erklärt Gall. Zurück im Schulzimmer holt Gall Schülerin Almedina zu sich ans Lehrerpult. «Auf den Unterlagen zu dir steht heute ein grosses Juhui!!!», sagt er zur bereits breit grinsenden Schülerin. Gall kann Almedina bei einer Papeterie vorstellen, wo sie vielleicht bald einmal pro Woche arbeiten gehen kann.

Projekt bringt Erfolg

«Von den vier Schülern, die nächsten Sommer die Schule abschliessen, haben bereits zwei eine Lehrstelle. Bei den anderen beiden habe ich keine Zweifel, dass auch sie eine Anstellung finden», sagt der engagierte Lehrer.

Die Filmaufnahmen zum Projekt Lift in Aadorf unter: www.nsw-rse.ch

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