«Verführung ist angesagt!»

Er war künstlerischer Direktor der Expo.02 und unterstützt nun die Vorbereitungen für die Expo 2027: Martin Heller sagt, was diesmal anders läuft – und wie die Ostschweiz ihre Chancen steigern kann.

Adrian Vögele
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«Jetzt geht es um sprühende Ideen, die die Expo fassbar machen»: Kulturunternehmer Martin Heller. (Bild: Markus Bertschi)

«Jetzt geht es um sprühende Ideen, die die Expo fassbar machen»: Kulturunternehmer Martin Heller. (Bild: Markus Bertschi)

Herr Heller, nach dem Vorentscheid des Bundesrates zugunsten der Expo 2027 in der Ostschweiz frohlocken hiesige Politiker. Ist der Jubel berechtigt?

Martin Heller: Ja, denn auf dieses positive Zeichen haben wir gewartet – und hingearbeitet. Der Bund hat signalisiert, dass die Bewerbung der Ostschweiz Sinn macht und die Kantone mit ihrer Planung auf dem richtigen Weg sind. Zudem wissen wir, dass der Bund nebst der Ostschweiz keine weiteren Bewerber erwartet und das auch gut findet. Der Vorentscheid aus Bern ist der Ansporn, die eigentliche Bewerbungsphase nun mit voller Kraft in Angriff zu nehmen.

Sind damit die Chancen auf eine Durchführung der Expo in der Ostschweiz bereits gestiegen?

Heller: Auf jeden Fall. Entscheidend wird allerdings einzig die Qualität und Überzeugungskraft des umfangreichen Bewerbungsdossiers sein, das es nun auszuarbeiten gilt.

Der Bund hat beschlossen, die Vorbereitung der Expo «vorläufig» zu unterstützen, allerdings nicht finanziell. Welche Art von Hilfe darf die Ostschweiz erwarten?

Heller: In der Projektorganisation, welche die Kantone nun aufbauen, wird auch der Bund präsent sein. Die Zuständigkeit für die Expo liegt beim eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Dessen Experten werden einerseits sicherstellen, dass in der Machbarkeitsstudie die Bedürfnisse des Bundes berücksichtigt werden. Andererseits ist zu erwarten, dass sie bei der Klärung bestimmter Fragen Hand bieten und beispielsweise direkte Kontakte herstellen, wenn die Expo-Planer auf Informationen von Bundesämtern angewiesen sind. Das könnte etwa in den Bereichen Verkehr und Infrastruktur der Fall sein. Solche Hilfe ist nicht zu unterschätzen.

Der Bund schaltet sich damit schon früh in die Expo-Planung ein. Ist das eine Lehre, die man aus der Expo.02 gezogen hat?

Heller: Ich denke schon. Damals gab es mehrere Bewerbungen, deren Planung jedoch nicht allzu weit fortgeschritten war. Der Bund erteilte den Zuschlag an die Drei-Seen-Region, bevor überhaupt eine Machbarkeitsstudie vorlag – auf dünner Entscheidungsgrundlage. Das ist im jetzigen Prozess anders. Der Bund will genau wissen, was ihn erwartet. Das Bewerbungsdossier, das gegen Ende 2017 eingereicht werden soll – zehn Jahre vor der Durchführung! –, wird weitaus substanzieller und detaillierter sein als der Planungsstand der Expo.02 zum vergleichbaren Zeitpunkt.

Hat das Umdenken auch mit den finanziellen Erfahrungen zu tun? Anfangs wollte sich der Bund mit 130 Millionen Franken an der Expo.02 beteiligen, am Ende waren es 900 Millionen – bei einem Budget von etwa 1,6 Milliarden.

Heller: Das sind zwei verschiedene Problemfelder. Im aktuellen Prozess verlangt der Bund die Sicherheit, dass das Budget für die Expo 2027 auf einem gesicherten Planungsstand basiert. Darum braucht es die Machbarkeitsstudie. Die finanziellen Schwierigkeiten der Expo.02 hingegen ergaben sich daraus, dass der Bund zwar wusste, wie hoch der Gesamtaufwand ungefähr sein würde, jedoch mit einer viel zu hohen Beteiligung der Wirtschaft rechnete. Das war eine krasse Fehleinschätzung.

Wie kam es dazu?

Heller: Es war die hohe Zeit der Privatisierungsphantasien. Der Bund zog sich ein Stück weit aus der Verantwortung, indem er seinen vergleichsweise geringen finanziellen Anteil festlegte und den Rest der Wirtschaft zuschob. Diese Rechnung ging nicht auf. Viele Unternehmen fühlten sich vor den Kopf gestossen und hatten den Eindruck, zur Kasse gebeten zu werden, ohne vorher gefragt worden zu sein. Der Bund geriet unter Druck und musste mehrmals Geld nachschiessen, damit die Expo überhaupt liquide blieb.

Nun hat der Bund bereits einen Kostenrahmen für die Expo 2027 abgesteckt. Sein Anteil würde maximal 50 Prozent der Gesamtkosten und maximal eine Milliarde betragen. Reicht das?

Heller: Damit muss nun, buchstäblich, gearbeitet werden. Es ist gut, dass ein klarer Rahmen feststeht. Das ist eine wichtige Voraussetzung für den Bewerbungsprozess.

Mindestens 50 Prozent der Gesamtkosten sind aber noch nicht gedeckt.

Heller: Das ist klar. Und allen Beteiligten ist bewusst, dass es sehr schwierig wird, die Beiträge der Wirtschaft im voraus abzuschätzen. Denn die hängen natürlich stark von der Konjunktur ab – und von einer vertrauensvollen Einbindung der privaten Seite. Auch in fünf Jahren wird es noch keine definitiven Zusagen aus der Wirtschaft geben.

Ist das ein Hindernis für die Planung?

Heller: Mit dieser Unsicherheit müssen und können wir leben. Nur: Es ist wichtig, dass im Zusammenhang mit der Expo nicht bloss über das Geld gesprochen wird. Kreativität ist viel schwieriger zu garantieren als finanzielles Controlling. Als erstes geht es jetzt um sprühende Ideen und starke Konzepte, welche die Expo 2027 fassbar und fühlbar machen. Die Ostschweiz muss aufzeigen, warum, wo und wie sie die Landesausstellung durchführen will.

Welches ist der nächste Meilenstein für die Expo 2027?

Heller: Die zentrale Frage ist: Wie wird das Bundesparlament auf die Bewerbung reagieren? Im Vorfeld dazu muss die Ostschweiz sich stärker, profilierter und attraktiver präsentieren als sonst – auch ausserhalb der Politik und in Bereichen, die nicht direkt mit der Expo zu tun haben. Sie muss dem Land auf charmante Weise zeigen, dass sie die richtige Region ist und das richtige Konzept hat für die Landesausstellung. Neben Seriosität ist Verführung angesagt!

Sie sind unter anderem Mitglied der Arbeitsgruppe, die den Konzeptwettbewerb massgeblich konzipiert und ihn begleitet. Wie sieht hier nun Ihre Aufgabe aus?

Heller: Alle Teams arbeiten derzeit auf die Abgabe im Mai hin. Danach folgt die zweite Jurierung, und bis voraussichtlich im Herbst wird das Siegerkonzept vorliegen. All dies braucht viel Hintergrundarbeit. Darüber hinaus unterstütze ich den Prozess mit meinem Wissen und meiner Erfahrung, die auf die Arbeit für die Expo.02, aber auch auf etliche andere, internationale Projekte zurückgeht.

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