Verdingkind sucht Antworten

DIESSENHOFEN. Das ehemalige Verdingkind Renata Nydegger musste als Siebenjährige ihre Grosseltern in Diessenhofen verlassen. Bis heute kennt sie den Grund nicht. Sie wüsste auch gern, was aus ihrem TKB-Sparbüchlein geworden ist.

Thomas Wunderlin
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Die Thurgauer Kantonalbank, hier der Hauptsitz in Weinfelden, hat nach eigenen Angaben keine Informationen zu Renata Nydeggers Sparheft. (Bild: Reto Martin)

Die Thurgauer Kantonalbank, hier der Hauptsitz in Weinfelden, hat nach eigenen Angaben keine Informationen zu Renata Nydeggers Sparheft. (Bild: Reto Martin)

Die 73jährige Renata Nydegger hatte eine glückliche frühe Kindheit in Diessenhofen erlebt. Sie wohnte bei ihren Grosseltern und wurde von einer Tante betreut; ein Onkel war ihr Vormund. Kontakt hatte sie zu ihrer ledigen Mutter, die schwanger von Bern zurückgekommen war. Vermutlich erlebte sie da eine Geborgenheit, die ihr über schwere Zeiten hinweghalf.

Renata Nydegger, ehemaliges Verdingkind. (Bild: pd)

Renata Nydegger, ehemaliges Verdingkind. (Bild: pd)

Diese begannen 1948, als sie als Verdingkind in eine Familie nach Schaffhausen gebracht wurde. Die Siebenjährige musste den Haushalt besorgen, Böden schrubben, das Essen rüsten. Selber zu essen bekam sie wenig. Sie magerte ab und wurde oft geschlagen. Sie weinte still in ihr Kissen. Wurde sie laut, gab es Schläge.

Sie lief weg, zurück zur Grossmutter. Doch diese setzte sie in den Zug zurück nach Schaffhausen. Die kleine Renata war abgrundtief enttäuscht. «Ich weiss nicht, ob das jemand nachfühlen kann, der es nicht erlebt hat», erzählt sie am Telefon aus dem freiburgischen Dompierre.

Nach anderthalb Jahren kam das Verdingkind zu einem kinderlosen Paar, auch in Schaffhausen. Dort habe sie es vier Jahre lang gut gehabt, sagt Renata Nydegger.

Mutter schwieg

Schlecht ging es ihr wieder, als ihre Mutter in Winterthur heiratete und ihre Tochter zu sich nahm. Von ihr sei sie oft geschlagen worden. Der Stiefvater half ihr, ihre Schauspielausbildung zu finanzieren. 34 Jahre lang arbeitete sie am Schauspielhaus Bern, zuletzt als Souffleuse.

Nie hat Renata Nydegger eine Antwort erhalten auf ihre Frage, weshalb sie zum Verdingkind gemacht wurde. Sie hat ihre Mutter immer wieder bestürmt, wurde immer abgewiesen. «Das geht dich nichts an», hiess es. Nur einmal erklärte die Mutter, die Grossmutter habe mit einer Axt auf Renata losgehen wollen. «Das kann nicht sein», sagt Renata Nydegger, «daran würde ich mich erinnern.» Richtig sei jedoch, dass ihre Grossmutter an Verfolgungswahn litt. Immer wieder hat die geschiedene Mutter zweier Söhne auch bei den Behörden Antworten verlangt, aber nie bekommen. Erfolg hatte sie erst, nachdem Bundesrätin Sommaruga im April 2013 bei den Verdingkindern für das erlittene Unrecht um Entschuldigung bat. In Diessenhofen, Schaffhausen und Winterthur wiesen sie die Behörden zwar reihum weiter. Auch Akten, die das Bezirksgericht Diessenhofen über ihren Vater angelegt haben muss, hat sie bis heute nicht gesehen. Vom Thurgauer Staatsarchiv erhielt sie jedoch Anfang August 2013 Protokolle der Diessenhofer Behörde, der ihr Vormund Rechenschaft ablegen musste. Auch hier habe sie zwei Mal anfragen müssen, sagt Nydegger. Ausserdem sind die Protokolle lückenhaft. Zur Plazierung in Schaffhausen enthalten sie keine Angaben.

Hingegen ist ein Sparbüchlein der Thurgauer Kantonalbank erwähnt. Darauf hatte jemand – möglicherweise ihr Vater oder ihr Götti – monatlich 40 Franken einbezahlt. Bei der Heirat ihrer Mutter 1953 waren daraus 3525 Franken geworden. Gemäss Protokoll wurde die Mutter angewiesen, das Sparheft beim Waisenamt zu lassen. Möglicherweise hielt sie sich nicht daran.

Andere Banken finden etwas

Bei einem durchschnittlichen Sparzins von 2,65 Prozent wären daraus bis heute 17 380 Franken geworden, wie der «Sonntagsblick» berechnete. Das Geld könnte sie heute gut brauchen, sagt Renata Nydegger. Auf ihre Anfrage erklärte die Thurgauer Kantonalbank jedoch, sie verfüge über keine Informationen über das Sparbüchlein. Nydegger glaubt es nicht. Andere Banken hätten ehemalige Verdingkinder auch abgewimmelt; einige seien aber dann doch fündig geworden.

Das Vermögen der Verdingkinder sei oft gestohlen worden, zitierte der «Sonntagsblick» den Präsidenten des Netzwerkes Verdingt, Walter Zwahlen.

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