«Vater politisierte am Familientisch»

TZ-Sommerserie Geschwister: Regierungsrat Jakob Stark und seine Geschwister Hans, Heidi, Verena und Katharina. Während Jakob die Thurgauer Finanzen im Griff hat, bewirtschaftet Hans den Bauernhof der Familie. Die Schwestern unterrichten und packen im Spital mit an.

Inge Staub
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Regierungsrat Jakob Stark und seine Geschwister (von links) Hans, Heidi, Katharina und Verena mögen die Natur. (Bild: Reto Martin)

Regierungsrat Jakob Stark und seine Geschwister (von links) Hans, Heidi, Katharina und Verena mögen die Natur. (Bild: Reto Martin)

BUHWIL. Der Blick aus dem Fenster fällt ins Grüne. Regierungsrat Jakob Stark wohnt idyllisch, umgeben von Wiesen und Äckern. Buhwil heisst das Dorf, es ist keine fünf Autominuten von dem Bauernhof in Neukirch an der Thur entfernt, auf dem Jakob Stark mit seinen Geschwistern Hans, Heidi, Verena und Katharina aufgewachsen ist.

Alle fünf sitzen an diesem Abend am grossen Esstisch bei Jakob zu Hause und blättern in Fotoalben auf der Suche nach einem Foto für die TZ-Reportage.

Jakob: Hier bin ich unerkannt als Samichlaus erschienen. Man sieht richtig, wie Katharina Angst hat.

Katharina: Schaut euch dieses Foto an. Vater sieht als junger Mann aus wie Hermann Hesse, er hat etwas Intellektuelles, und Mami strahlt wie eine Prinzessin. Heidi: Meistens fehlt einer auf den Fotos.

Die Geschwister haben Mühe, ein Foto zu finden, auf dem alle fünf zu sehen sind. Denn Katharina, 46, ist 13 Jahre jünger als Hans, 59, der Älteste.

Jakob: Vom Alter her waren mir Hans und Heidi am nächsten. Ich war deshalb meistens mit ihnen zusammen.

Heidi: Bis 1969 hatten wir Gleichstand, wir waren zwei Buben und zwei Mädchen. Dann kam Katharina dazu, seitdem sind wir Frauen in der Mehrheit.

Jakob: Es ist in unserer Familie üblich, dass oft alle gleichzeitig reden. Wir sind unter uns sehr offen und spontan.

Wie Jakob sind auch seine Geschwister der Heimat treu geblieben. Katharina und Hans, der den elterlichen Hof übernommen hat, leben nach wie vor in Neukirch an der Thur. Heidi wohnt in Weinfelden und Verena in St. Gallen. Hans zog es in jungen Jahren für einige Monate in die Welt hinaus, nach Kanada. Während dieser Zeit half Jakob, damals Student, auf dem Hof mit. Er habe seine Zukunft in der Schweiz gesehen, deshalb sei er zurückgekehrt, sagt Hans. Vor allem das Vereinsleben fehlte ihm in der Fremde. Hans präsidierte einige Jahre lang den lokalen Turnverein. Jakob war Mitglied des Armbrustschützenvereins und des Fussballclubs.

Eltern verkauften ihr Ross

Das bäuerliche Leben und die dörflichen Strukturen prägten die Kindheit der Geschwister.

Jakob: 1958, im Jahr meiner Geburt, verkauften unsere Eltern ihr Ross und schafften sich einen Traktor an. Das war der Anfang der Mechanisierung.

Hans: Wir mussten viel auf dem Hof helfen. Die Mädchen meistens im Haus, die Buben im Stall und auf dem Feld.

Heidi: Ich lese gerne. Oft wünschte ich mir, mal einen ganzen Tag lesen zu können, das ging natürlich nicht.

Verena: Ich habe gerne geholfen. Mir hat vor allem das gemeinsame Obsten gefallen.

Katharina: Das war manchmal auch lustig. Wenn wir den Birnbaum schüttelten und einem eine Birne auf den Kopf fiel.

Hans: Manchmal haben wir uns auch gegenseitig mit faulen Birnen beworfen.

Jakob: Wenn ich morgens aufwachte, hörte ich oft den Vater im Stall singen.

Gemeinsame Ferien gab es wegen der Arbeit auf dem Hof keine. Auch grössere Ausflüge waren selten, aber einmal im Jahr machte die Familie einen Tagesausflug nach St. Gallen.

Hans: Wir besuchten jedes Jahr die Olma.

Heidi: Wir Mädchen steuerten mit unserer Mutter den «Schneebesen» an, ihr Buben habt euch mit dem Vater Maschinen angeschaut.

Neben der Arbeit blieb auch Zeit für Spass und Spiele.

Verena: Katharina und ich bauten gerne Hütten. Wir durften die überall erstellen.

Hans: Im Winter spielten wir oft Monopoly.

Jakob: Meistens hat Heidi gewonnen.

Hans: Einmal haben Köbi und ich unseren Eltern einen gewaltigen Schreck eingejagt. Ich war fünf Jahre alt, er drei. Die Eltern waren dabei, eine neue Scheune zu bauen. Wir Knirpse stiegen ganz unbedarft die ganze sieben Meter hohe Leiter hoch, die an der Wand lehnte, um «Dachdeckerlis» zu spielen.

Neben Spiel und Arbeit war auch Schule angesagt.

Hans: Wir sind zum gleichen Lehrer in die Schule gegangen, der schon unseren Vater unterrichtet hat.

Jakob: Gegen Ende der Schulzeit machte ich in den Sommerferien fünf Schnupperlehren, wusste jedoch nicht recht, was ich lernen sollte. Da erinnerte ich mich an einen meiner Lehrer, der mir die Kantonsschule empfohlen hatte. Also schrieb ich einen Brief an die Kantonsschule nach Frauenfeld. Die wunderten sich dort schon, dass ich mich selbst anmeldete.

Üblich: Einen Beruf erlernen

Es war nicht vorgesehen, dass Jakob und seine Schwestern studieren. Es war in den 60er-Jahren auf dem Land üblich, dass Bauernkinder arbeiten gehen beziehungsweise einen Beruf erlernen. Heidi machte deshalb zunächst eine kaufmännische Lehre, dann die Matura auf dem zweiten Bildungsweg. Heute ist sie Primarlehrerin. Verena hat das Kindergärtnerinnenseminar absolviert, später die Kunstgewerbeschule und unterrichtet heute an der Pädagogischen Hochschule und an der Pädagogischen Mittelschule in Kreuzlingen. Katharina machte eine Ausbildung zur Pflegefachfrau.

Politik spielte dagegen eine grosse Rolle bei Familie Stark.

Jakob: Unser Vater politisierte auch am Familientisch. Dass Hans und ich der SVP angehören, liegt auf der Hand. Als Mitglied einer reformierten Bauernfamilie war das damals ganz selbstverständlich, die SVP hiess im Kanton noch BGB und war Teil des landwirtschaftlichen Kantonalverbands.

Verena: Und wenn im Radio die Nachrichten kamen, mussten wir alle ganz ruhig sein.

Der Vater war Ortsvorsteher und Gemeindeammann von Neukirch an der Thur. Da verwundert es nicht, dass Jakob und Hans in seine Fussstapfen traten. Hans ist Gemeinderat in Kradolf-Schönenberg. Jakob startete seine politische Karriere als Ortsvorsteher von Buhwil. Auch Verena hatte einige Jahre ein öffentliches Amt inne, als Präsidentin des Werklehrervereins. Sie hat dafür viel Zeit geopfert und als sie spürte, wie wenig sie bewirken kann, hat sie sich zurückgezogen. Katharina ist mehr sportlich interessiert. Dass Jakob als Regierungsrat den Kanton Thurgau mitgestaltet, verwundert seine Geschwister nicht.

Hans: Köbi war immer gut in der Schule. Man hat dort schon sein Potenzial gespürt.

Schätzen gute Mahlzeit

Regierungsrat, Bauer, Lehrerin, Dozentin, Pflegefachfrau: Auch wenn von den fünf beruflich jeder einen anderen Weg geht, eines haben sie gemeinsam: Sie schätzen eine gute Mahlzeit. Bei den von Jakobs Frau Coni selbst zubereiteten Köstlichkeiten wie Focaccia, Rosen-Butter und Gemüse-Dip mit Kräutersauce langen alle herzhaft zu.

Alice und Hans Stark scharen in Neukirch an der Thur ihre Kinder um sich (von links): Jakob, Hans, Heidi, Katharina und Verena. (Bild: pd)

Alice und Hans Stark scharen in Neukirch an der Thur ihre Kinder um sich (von links): Jakob, Hans, Heidi, Katharina und Verena. (Bild: pd)

Bild: INGE STAUB

Bild: INGE STAUB