Urteil gegen Schläger aufgehoben

Das Bundesgericht verlangt vom Thurgauer Obergericht, dass es den Fall der beiden Schläger von Kreuzlingen neu beurteilt. Es liege keine versuchte vorsätzliche Tötung vor und die Strafzumessung sei fehlerhaft.

Urs-Peter Inderbitzin
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Der Ausschnitt aus dem Video zeigt die Täter nach dem Überfall. (Bild: pd)

Der Ausschnitt aus dem Video zeigt die Täter nach dem Überfall. (Bild: pd)

LAUSANNE. Teilerfolg für die beiden jungen Männer, die vor sechs Jahren im Bahnhof von Kreuzlingen zwei Gleichaltrige grundlos zusammengeschlagen haben. Das Bundesgericht verlangt eine Neubeurteilung, weil keine versuchte vorsätzliche Tötung vorliegt und das Gericht eine fehlerhafte Strafzumessung vornahm.

Das Thurgauer Obergericht hatte den Haupttäter wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchter schwerer Körperverletzung zu viereinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht hatte es aufgrund von Videoaufnahmen als erstellt erachtet, dass der Täter mit voller Wucht gegen den Kopf seines Opfers getreten hatte. Zwar habe der Täter keinen direkten Tötungsvorsatz gehabt, er habe aber um die lebensgefährliche Wirkung von Fusstritten gegen den Kopf beziehungsweise die Gefahr des Todes gewusst und sein regloses Opfer in einer offensichtlich hilflosen Lage liegengelassen und dessen Tod in Kauf genommen.

Videos anders interpretiert

Anders hat nun das Bundesgericht die Videosequenzen interpretiert: Aus diesen sei nicht ersichtlich, dass das Opfer regungs- beziehungsweise bewusstlos am Boden gelegen habe; vielmehr sei zu erkennen, dass sich der Zusammengeschlagene – während und solange der Schläger auf ihn eindrosch – deutlich bewegt habe. Beanstandet hat das Bundesgericht auch, dass das Obergericht wegen der Fusstritte gegen den Kopf ein hohes beziehungsweise gar sehr hohes Risiko des Todeseintritts bejaht habe. Das Institut für Rechtsmedizin St. Gallen hatte in einem Gutachten nämlich betont, die grosse Anzahl von Tritten auf das wehrlos am Boden liegende Opfer könne zwar schwere und lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen, ein gesteigertes Todesrisiko bestehe aber nicht.

Keine Lebensgefahr

Im konkreten Fall, so das Bundesgericht, habe sich das Opfer zwar nicht gegen die Tritte wehren können, sei diesen jedoch – anders als eine bewusstlos am Boden liegende Person – zu keinem Zeitpunkt schutzlos ausgesetzt gewesen. Das Opfer «befand sich nie in (unmittelbarer) Lebensgefahr und wies keinerlei augenscheinliche Verletzungen auf. Die Blutergüsse und Prellungen an Armen und im Gesicht konnten von ihm selbst behandelt werden und waren nach vier Tagen überwiegend verheilt». Auch dass die Täter das Opfer liegenliessen, ohne sich zu kümmern, vermag laut dem Urteil aus Lausanne keinen Tötungsvorsatz zu begründen. Deshalb hat das Bundesgericht die Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung aufgehoben.

Noch einmal über die Bücher muss das Thurgauer Obergericht auch im Fall des zweiten Täters, der zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt worden ist. Hier kommt das Bundesgericht zum Schluss, dass die Strafzumessung in mehrfacher Hinsicht bundesrechtswidrig ist. So lasse sich aus der Begründung nicht entnehmen, warum das Obergericht das Verschulden als schwer einstuft. Zudem muss das Obergericht die Vorverurteilung durch die Medien – Veröffentlichung von Tat- und Täterbildern – bei der Strafzumessung stärker berücksichtigen.

Der Überfall hatte sich im Mai 2009 im Bahnhof Kreuzlingen zugetragen. Zwei Schweizer hatten grundlos zwei Gleichaltrige angegriffen und mit Fusstritten und Faustschlägen traktiert.

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