Unzulängliches Fräulein

Der gestrige Rezitationsabend von Frl. Senta Gomm im Hotel Bahnhof hat etwa 25 Literaturfreunde angelockt; aber wir zweifeln stark, ob diese ein zweitesmal ihren Abend dazu opfern würden, eine Stunde lang das peinliche Gefühl zu haben, etwas Unzulängliches hören zu müssen.

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Der gestrige Rezitationsabend von Frl. Senta Gomm im Hotel Bahnhof hat etwa 25 Literaturfreunde angelockt; aber wir zweifeln stark, ob diese ein zweitesmal ihren Abend dazu opfern würden, eine Stunde lang das peinliche Gefühl zu haben, etwas Unzulängliches hören zu müssen. Gewiss – ein leerer mit etwas Publikum garnierter Saal bringt einen nicht in die richtige Stimmung. Wenn wir jedoch das hierdurch Verursachte abziehen, so bleibt für uns immer noch genug übrig, um das Urteil über Frl. Goms Vortragskunst dahin zusammenzufassen, dass sie leider für die Rezitation guter Dichtungen keinerlei besondere Anlagen habe. Abgesehen von einer ganzen Anzahl durchaus unsinngemässer Betonungen, legte die Vortragende einen ganz merkwürdigen Mangel an verständnisvollem sich Einfühlen an den Tag, so dass ein Kontakt mit den Zuhörern auch bei vollbesetztem Saale hätte ausbleiben müssen. «Gedichte sind gemalte Fensterscheiben», sagte Goethe einmal. Aus dem Innern der Kapelle sehen wir sie leuchten und funkeln in allen Farben. Das Programm wäre durchaus dazu angetan gewesen, uns etwas davon spüren zu lassen.