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Unterwegs im Drogenwahn in Unterhosen und Socken

Das Sonntagsgericht

Seine Beine wippen und zappeln. Die Frauenfelder Bezirksrichterin treibt den Betreiber einer Imbissbude mit ihren Fragen in die Enge. Bisher dachte er immer «Scheiss drauf», wenn ihm ein Polizist oder früher die Jugendanwaltschaft Vorhaltungen machte. Damit ist der kräftig gebaute 21-Jährige passabel durchs Leben durchgekommen.

Kebab und Pizza liefert er mit dem Firmenwagen aus. Einen Führerschein hat er nie besessen, Scheiss drauf. Die Haftpflichtversicherung schickt drei Mahnungen. Hat er nicht gesehen. Die Versicherung erlischt. Egal. Das Strassenverkehrsamt verlangt die Nummernschilder zurück. Soll sie selber holen. Bis dahin kann sein Mitarbeiter mit dem Auto noch die Kundschaft beliefern.

Als Sechsjähriger war er mit seiner Mutter in die Schweiz gekommen, wo der Vater drei Jahre zuvor Arbeit gefunden hatte. Im Kindergarten hat er es schwer. Die Eltern harmonieren nicht, irgendwann trennen sie sich. Mit 13 raucht er den ersten Joint. Er fliegt aus der zweiten Klasse der Oberstufe. Macht den Schulabschluss in der Türkei. Beginnt im Kanton Zürich eine Maurerlehre, die er nach einem Jahr abbricht. Er schlägt und stiehlt. Mit seiner Mutter eröffnet er den Kebabladen. Fast täglich fährt er Auto, immer ohne Führerschein. Im Monat bleiben ihm 3000 Franken. Da liegen einige Joints drin, bis zu zehn am Tag. Am 23. Oktober 2015 schickt ihm die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl von 180 Tagessätzen zu 50 Franken, bedingt auf zwei Jahre Probezeit. Nur drei Tage später wird er in Frauenfeld am Steuer des Firmenautos erwischt. Pro Liter Blut hat er 2,6 Milligramm des Cannabis-Wirkstoffs THC – ab 1,5 Milligramm gilt man als fahrunfähig. Deswegen wird jetzt gegen ihn verhandelt, ausserdem wegen weiterer sechs Vorfälle, die im Lauf der Untersuchung dazu gekommen sind.

Der gravierendste geschieht am 13. Dezember 2015. Er fühlt sich nicht gut, als er spätabends mit dem Bus zu einem Freund fährt. Er lacht irre und muss sich übergeben. Zum ersten Mal im Leben probiert er die psychoaktive Droge 2CB. Ausserdem hat er 5,4 Milligramm THC pro Liter im Blut. Um drei Uhr morgens setzt er sich in sein Auto, das bei seinem Freund abgestellt ist. Er fährt in eine Hecke und eine Parkbank, lässt das Auto mit laufendem Motor stehen. Nur mit T-Shirt, Unterhosen und Socken bekleidet will er nach Hause laufen. Er kracht in den Seitenspiegel eines entgegenkommenden Autos. Der Fahrer und der Beifahrer steigen aus. Dem einen haut er unvermittelt die Faust ins Gesicht, den andern tritt er ins Bein.

«Zum ersten Mal in seinem Leben macht er sich wirklich Sorgen um seine Zukunft», sagt die Verteidigerin. Das drohende Gefängnis habe ihn zur Einsicht gebracht. Im Drogenwahn sei er nicht schuldfähig gewesen; in diesem Punkt verlangt sie einen Freispruch. Das würde eine bedingte Strafe ermöglichen. Die Vorstrafe soll nicht vollzogen, doch die Probezeit auf vier Jahre verlängert werden. Der Angeklagte bittet um eine letzte Chance. «Nütze ich sie nicht, sperrt mich ein und schiebt mich ab.»

Er habe seine Schuldunfähigkeit mindestens fahrlässig in Kauf genommen, als er die Drogen genommen habe, sagt die Staatsanwältin und fordert zehn Monate unbedingt. Die Probezeit könne nur bei «besonders günstiger Prognose» verlängert werden. Diese könne ihm nicht mehr attestiert werden. Das Gericht fällt noch kein Urteil. Zuerst soll ein Gutachter seine Schuldfähigkeit im Drogenrausch klären. «Bis dahin haben Sie Gelegenheit, sich zu beweisen», sagt ihm die Richterin. «Nüme Auto fahre, nüme kiffe.» (wu)

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