Untersuchung des Giftcocktails

Die im Obstbau verwendeten Pestizide belasten Thurgauer Bäche. Wie stark, darüber wird eine zurzeit laufende Studie Auskunft geben. Unter die Lupe genommen wird dabei auch der Eschelisbach bei Güttingen. In diesem wurden letztes Jahr 21 verschiedene Spritzmittel nachgewiesen.

Inge Staub
Drucken
Teilen
Heinz Ehmann Kanton Thurgau, Wasserqualität (Bild: Nana do Carmo)

Heinz Ehmann Kanton Thurgau, Wasserqualität (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Es kennt ihn kaum jemand. Den Eschelisbach in Güttingen. Das kleine Gewässer schlängelt sich durch Felder, Wiesen und Obstplantagen östlich am Dorf vorbei bis zum Bodensee. Jetzt erlangt der kleine Bach nationale Bedeutung. Denn er ist Teil einer Studie, die der Bund in Auftrag gegeben hat. Wissenschafter des Wasserforschungsinstituts Eawag untersuchen fünf kleine Bäche daraufhin, wie viel und welche Pestizide sie enthalten.

Obst und Beeren am Bach

Wie Christian Stamm von der Abteilung Umweltchemie sagt, wurden fünf kleine Gebiete in unterschiedlichen Regionen der Schweiz ausgewählt, die unterschiedlich und intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. Die Gebiete sind zwei bis fünf Quadratkilometer gross. Das Gebiet um den Eschelisbach kam zum Zug, weil hier intensiv Obstbau betrieben wird. Die Landwirte im Einzugsgebiet des Bachs bauen Obst und Beeren an. Sie verwenden Pflanzenschutzmittel, welche in die umliegenden Bäche gelangen.

Die Wissenschafter der Eawag hatten bereits vor vier Jahren die Pestizidbelastung fliessender Gewässer gemessen. Ausgewählt wurden damals fünf mittelgrosse Flüsse, darunter die Salmsacher Aach. Das Ergebnis war erschreckend: In den fünf Flüssen fanden die Forscher 104 verschiedene Pflanzenschutzmittel und Biozide. Das Wasser der Salmsacher Aach enthielt damals 37 verschiedene Herbizide, dreizehn Fungizide und zehn Insektizide.

Grenzwerte überschritten

Entscheidend für die Wasserqualität ist nicht nur die Anzahl Stoffe, die ein Gewässer enthält, sondern vor allem deren Konzentration. Da bei Dutzenden von Pestiziden die Grenzwerte überschritten wurden, folgerten die Forscher, dass «eine Beeinträchtigung der Organismen in den Gewässern nicht ausgeschlossen werden kann».

Für die neue Studie wurden im vergangenen Jahr Wasserproben genommen. Diese werden derzeit ausgewertet und auf 300 verschiedene Pestizide hin untersucht. «Ein Ergebnis liegt noch nicht vor», sagt Christian Stamm. Um zusätzliche Daten für den Eschelisbach zu erhalten, wurden Mortalität und Frassaktivität des Bachflohkrebses Gammarus pulex unter die Lupe genommen. Als Referenzstelle diente ein unbelasteter Bach ähnlicher Grössenordnung in der Nähe des Eschelisbaches.

Die Forscher wollen herausfinden, ob der Schadstoffgehalt in kleineren Bächen stärker oder schwächer ist als in grösseren. «Da die Verdünnung geringer ist, gehen wir davon aus, dass die Belastung höher sein wird», sagt Heinz Ehmann, Leiter Abteilung Wasserqualität und -nutzung beim Kanton, der die Eawag-Forscher unterstützt.

Es ist zu erwarten, dass die Wissenschafter eine hohe Konzentration an Pflanzenschutzmitteln im Eschelisbach feststellen werden. Denn im Juli letzten Jahres hatte die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens dort Stichproben genommen und diese von einem Labor in Deutschland untersuchen lassen. Es liessen sich 21 Spritzmittel nachweisen. Drei Giftstoffe lagen ein Mehrfaches über dem Grenzwert der Gewässerschutz-Verordnung.

Dieses Ergebnis, so Christian Stamm, sei eher zufällig. Sichere Daten liefere erst die jetzige Auswertung der Eawag. Für den Menschen seien die im Eschelisbach bislang festgestellten Werte nicht gefährlich. Doch der Natur setze der Pestizid-Cocktail zu: «Wasserlebewesen sind diesen hohen Konzentrationen und auch den Mischungen von verschiedenen Substanzen dauerhaft ausgesetzt. Da besteht natürlich ein Risiko.»

Bund will Pestizide reduzieren

Thurgauer Obstbauern müssen sich deshalb darauf einstellen, dass sie künftig beim Pflanzenschutz an die kurze Leine genommen werden. Das Bundesamt für Landwirtschaft ist dabei, einen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel aufzugleisen. «Ziel ist, dass weniger Giftstoffe in die Gewässer gelangen, ohne dabei die landwirtschaftliche Produktion einzuschränken», sagt Heinz Ehmann. Der Kanton Thurgau und das BBZ Arenenberg haben an diesem Aktionsplan mitgearbeitet. 140 Massnahmen sind vorgeschlagen worden. Zehn bis 20 davon sollen umgesetzt werden.

Bei Verdacht wird untersucht

Das kantonale Amt für Umwelt untersucht die Thurgauer Bäche ebenfalls auf Pestizide, allerdings nur punktuell. Heinz Ehmann: «Liegt ein konkreter Verdacht vor, nehmen wir Proben.»

Das Wasser des Eschelisbaches bei Güttingen wird auf 300 verschiedene Pestizide getestet. (Bild: Donato Caspari)

Das Wasser des Eschelisbaches bei Güttingen wird auf 300 verschiedene Pestizide getestet. (Bild: Donato Caspari)

Aktuelle Nachrichten