Unter den königlichen Perücken

Der Schein trügt: In den majestätischen Perücken der Kaiser und Könige tummelte sich Ungeziefer. Kein Wunder, bei den absonderlichen Hygienevorstellungen dieser Zeit. Das Napoleonmuseum gewährt Einblick.

Marina Winder
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Das Ungeziefer in den Perücken der Aristokraten war ein Festmahl für die Vögel. (Bild: Reto Martin)

Das Ungeziefer in den Perücken der Aristokraten war ein Festmahl für die Vögel. (Bild: Reto Martin)

arenenberg. Das Napoleonmuseum macht öffentlich, was ansonsten ganz privat ist, und lädt die Besucherscharen dorthin ein, wo jeder lieber alleine ist. Es ist mehr als ein Blick durchs Schlüsselloch von Toiletten, Waschräumen und Ankleidezimmern. Es ist eine Einladung teilzuhaben am kleinen und grossen Geschäft von Kaisern und Königen.

Eine Ehre, dabei zu sein

Die Vorstellung von Privatsphäre war von der ausgehenden Renaissance bis zum beginnenden 20. Jahrhundert eine andere als heute. Kaiser und Könige waren es sich gewohnt, schon beim Aufstehen viel Personal um sich zu haben. Am Ende waren es 50 Bedienstete, die am morgendlichen Prozedere teilnahmen.

Wer dabei sein wollte, wenn der König seine Notdurft erledigte, musste viel Geld zahlen. Die Einnahmen für diese Spezialbewilligung füllten die Staatskassen, erzählte Kuratorin Christina Egli, als sie gestern die Ausstellung «Eau & Toilette – Waschen, Kleiden, Duften» auf Schloss Arenenberg den Medien vorstellte. Um den Gestank bei diesen Audienzen zu überdecken, liess man Tauben flattern, deren Flügel mit Orangenöl getränkt waren.

Sehenswert sind auch die verschiedenen Modelle früherer Toilettenschüsseln. Darunter gibt es auch verschliessbare zum Mitnehmen. Auf den Infowänden der Ausstellung – passenderweise sind es «Paravents», französische Raumteiler – steht geschrieben, dass die Frauen diese Klosetts unter ihren Röcken trugen, wenn sie den ganzen Tag in der Kirche ausharren mussten.

Trotz duftender Öle und Parfums: Der Gestank musste bestialisch gewesen sein. Zwar wurde grosser Wert auf Hygiene und Schönheit gelegt und auch viel Zeit dafür aufgewendet. Doch die Vorstellungen in diesen Bereichen unterscheiden sich sehr von den heutigen. So galt beispielsweise ein Bad als schädlich, weil das Wasser die Körpersäfte verdünnen und die Frauen lasziv machen würde. Das Problem mit den Flöhen wurde folgendermassen gehandhabt: Frauen und Männer trugen ein von Hand geschnitztes Flohdöschen auf sich. Darin befand sich ein in Honig und Blut getränktes Stück Stoff. Wenn sich die Tiere daran labten, bissen sie seltener in die gepuderte Haut der Aristokraten. Im Zimmer, wo die Perücken aufbewahrt wurden, warteten schon die Pirole im Käfig. Für die Vögel war das Ungeziefer in der künstlichen Haarpracht eine kleine Festmahlzeit.

Bis am 23. Oktober

Die Ausstellung im Napoleonmuseum Thurgau mit dem Titel «Eau & Toilette – Waschen, Kleiden, Duften . . .» dauert vom 16. April bis am 23. Oktober. Die Exponate kommen aus den eigenen Beständen und verschiedenen Ausstellungshäusern.