Unsicherheit, Schock, Ohnmacht und Zweifel

Zwei Mütter erzählen, was auf Menschen zukommt, wenn ein Mitglied der Familie psychisch krank wird. Das Verhalten des Kranken sei einem zunächst fremd. Die beiden fragten sich, ob sie die Weichen im Leben des Kranken richtig gestellt hätten.

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FRAUENFELD. Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ist oft auch für die Familie eine traumatische Erfahrung. Zwei Frauen aus der Region Kreuzlingen, 68 und 64 Jahre alt, deren Söhne in Münsterlingen stationär behandelt worden sind und die in der Selbsthilfegruppe Vask Ostschweiz mitarbeiten, erzählen:

«Jemand, der keine Ahnung hat von psychischen Krankheiten, kann sich nicht vorstellen, was da auf einen zukommt.

Zunächst ist einem das Verhalten des Kranken fremd. Er zieht sich zurück, wird aggressiv, feindselig oder ist von etwas getrieben. Er hat Ängste oder einen Verfolgungswahn. Das taucht immer wieder auf und verfliegt wieder.

Die Angehörigen sind verunsichert, weil sie sich mit der Erkrankung nicht auskennen. Wenn die Kranken sagen, sie seien nicht krank und wollen keine Therapie machen, dann ist es besonders schwierig, mit der Situation klarzukommen. Das Problem bleibt ungelöst. Die Angehörigen fühlen sich ohnmächtig und der Situation ausgeliefert, weil sie nichts machen können. Sie haben das Gefühl, alles bleibt an ihnen hängen. Das geht oft so lange, bis die Situation eskaliert. Es wird die Polizei gerufen, der Kranke wird dann zwangseingewiesen.

Aufnahme ist heikel

Die Situation, in der der Sohn oder die Tochter in die psychiatrische Klinik aufgenommen wird, ist heikel. Sie löste bei unseren Söhnen und bei uns einen Schock aus. Gerade in einem Zustand, in dem sie übersensibel sind, werden die Betroffenen auf dem Klinikgelände mit Chronischkranken konfrontiert. Wir würden es deshalb begrüssen, wenn die verschiedenen Stationen nicht alle auf einem Gelände wären, sondern dezentralisiert würden.

Wenig Besuch in Klinik

Natürlich ist man auch manchmal froh, wenn der Sohn in die Klinik eingewiesen wird. Man denkt dann, er ist in Sicherheit.

Im Laufe der Zeit ziehen sich manche Angehörige zurück, weil sie nicht über die Situation reden möchten. Auch die Kranken selbst verlieren Kontakte, weil sie in der Klinik meist wenig Besuch von Freunden erhalten.

Belastend sind die Schuldgefühle. Man fragt sich, was man falsch gemacht hat und ob man genug für den Kranken getan hat. Man fragt sich auch, ob man gewisse Weichen im Leben des Kindes falsch gestellt hat, zum Beispiel bei der Berufsfindung.

Wir begrüssen es, dass es jetzt das Aufnahme- und Abklärungszentrum gibt, bei dem auch Angehörige Hilfe finden. Leider befindet sich dieses auf Münsterlingen Seeseite. Vielen Familien fällt es schwer, in der Abklärungsphase das Klinikgelände zu betreten. Nach der Entlassung des Kranken ist man froh ist, dass die Phase der stationären Behandlung vorüber ist, und möchte nicht erneut zur Lösung der nun anstehenden Probleme die Seeseite aufsuchen müssen. Es wäre deshalb hilfreich, wenn es eine neutrale Beratungsstelle geben würde.» (ist)