«Uns ist das C wichtig»

Parteien vor der Wahl (5/9): Die EVP geht dieses Mal wieder eine Listenverbindung mit der CVP ein. Kantonalpräsidentin Regula Streckeisen sagt, warum dies vor vier Jahren nicht der Fall war. Sie erklärt, warum sich die Partei für einen fairen Umgang in der Politik einsetzt.

Michèle Vaterlaus
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Die Präsidentin der EVP Thurgau: Regula Streckeisen. (Bild: Reto Martin)

Die Präsidentin der EVP Thurgau: Regula Streckeisen. (Bild: Reto Martin)

Frau Streckeisen, wie lange sind Sie schon Mitglied der EVP?

Regula Streckeisen: Ich stand 1992 auf der Liste für den Kantonsrat. Also bin ich kurz vorher beigetreten – etwa 1990.

Sie sind verhältnismässig nicht lange dabei.

Streckeisen: Das stimmt. Ich war aber immer politisch interessiert. Aber wir hatten eine Arztpraxis und vier Kinder, das war ausreichend. Als unser Jüngster neun Jahre alt war, hat es Luft gegeben. Dann entschied ich mich, aktiv zu werden, ich musste mich für eine Partei entscheiden.

Wieso haben Sie sich für die EVP entschieden?

Streckeisen: Weil mir die christlichen Werte wichtig sind und die Partei in der Mitte positioniert ist: Das passt für mich.

Es hätte auch die CVP sein können.

Streckeisen: Stimmt, die Frage kommt immer wieder mal auf. Aber die EVP hat eine etwas andere Ausrichtung als die CVP. Für uns hat das C eine stärkere Bedeutung. In der CVP wird gelegentlich diskutiert, ob die Partei das C lieber fallen lassen soll, weil es eher hinderlich sei. Für uns ist das kein Thema, für uns ist das C wichtig.

Aber die EVP trägt ein E im Namen.

Streckeisen: Ja, aber mit dem E beziehen wir uns auf das Evangelium, und darauf stützen sich evangelische wie katholische Christen. Wir wollen das nicht abgrenzen. Wir haben vereinzelt auch katholische Mitglieder.

Bei den Wahlen vor vier Jahren ist die EVP Thurgau eine Listenverbindung mit BDP, GLP und EDU eingegangen. Dieses Mal mit der CVP. Warum?

Streckeisen: Wir sind zu unserer alten Tradition zurückgekehrt. Bei den Nationalratswahlen sind wir früher mit der CVP eine Listenverbindung eingegangen. Vor vier Jahren gab es erstmals genug kleine Parteien. Man konnte sich ausrechnen, dass es mit der GLP, BDP und EDU für einen Sitz reichen würde. Die Verbindung war eine taktische Entscheidung.

Der Wähleranteil der EVP ist damals nur minim gestiegen. Es hat nicht gereicht.

Streckeisen: Leider nicht.

Wie sieht es denn dieses Jahr aus? Rechnen Sie mit einem Sitz?

Streckeisen: Realistischerweise nicht. Wir sind zu klein. Das haben wir vor vier Jahren gelernt, und damals haben wir uns sehr angestrengt. Uns geht es nun darum, die politische Mitte zu stärken. Wir hoffen, dass die Mitte künftig drei und nicht nur zwei Sitze hat.

Auf Kosten welcher Partei, sollte sie den Sitz gewinnen?

Streckeisen: Das wird das Stimmvolk entscheiden.

Was wäre der beste Fall für die EVP bei den Wahlen?

Streckeisen: Wenn die EVP beim Stimmenanteil zulegt und die politische Mitte in Bern ein stärkeres Gewicht bekommt.

Was wäre der schlimmste Fall?

Streckeisen: Wenn es so bleibt, wie es ist: Zwei Mitte, drei SVP und einen Grünlinks. Das würde ich zwar nicht als schlimm bezeichnen, entspräche aber nicht unserem Ziel.

In welchem Bereich liegt die EVP eigentlich bei den Spidern von Smartvote?

Streckeisen: Sie liegt leicht links von der Mitte. Und wir sind ein wenig mehr liberal/progressiv als konservativ.

Auf welche Themen legt die EVP dieses Jahr den Fokus?

Streckeisen: Es sind nationale Wahlen, deshalb übernehmen wir die Themen der EVP Schweiz. Das sind drei: Gerecht handeln, nachhaltig leben, Menschen würdigen. Unser Slogan ist: Fairness bringts. Weil wir der Meinung sind, es ist für unser Volk sehr wichtig, dass der politische Umgang fair bleibt und gewisse Regeln einigermassen eingehalten werden.

Wie meinen Sie das?

Streckeisen: Wenn ich die politische Werbung anschaue, dann werden bewusst Botschaften verbreitet, die einfach nicht wahr sind. Das schadet unserer Demokratie, weil das Stimmvolk viel Macht hat und deshalb korrekt informiert sein sollte.

Haben Sie ein Beispiel?

Streckeisen: Vor der Abstimmung über die Erbschaftssteuer ist von den Gegnern sehr viel Unwahres behauptet worden. Es hat überhaupt nicht dem Initiativtext entsprochen, dass KMU geschädigt würden. Das stimmte nicht.

Gibt es bestimmte Thurgauer Themen, auf die Sie fokussieren?

Streckeisen: Nein, das kommt erst bei den Grossratswahlen. Jetzt fokussieren wir auf nationale Themen. Unseren Nationalrätinnen und mir selbst ist die Konzernverantwortungs-Initiative ein Anliegen. Globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz tragen Verantwortung. Die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und die Steuervermeidungspraxis von Konzernen mit Ablegern in Afrika oder im Osten schaden den Menschen dort und uns. Sie sind mitverantwortlich für die Flut an Flüchtlingen, die wir kaum zu bewältigen vermögen. Am Herzen liegt uns auch das Bankenthema: Die EVP hat bereits vor 90 Jahren gesagt, dass Steuerhinterziehung und Steuerbetrug dasselbe sind und beides bestraft werden muss. Anfangs wurden wir belächelt. Mit der Zeit wurde das Thema salonfähig. Mittlerweile haben wir Fortschritte gemacht. Steuergerechtigkeit, Datenaustausch, Weissgeldstrategie.

Wie finanziert die EVP ihren Wahlkampf?

Streckeisen: Die Mitglieder finanzieren ihn weitgehend selber. Wir haben Mandatsbeiträge und Spenden von Sympathisanten. Wir generieren Einnahmen durch unsere Parteizeitschrift. Wichtig ist uns, dass wir unabhängig sind, wir sind nicht von Banken, Versicherungen oder anderen Institutionen gesponsert. So bleiben wir unverfilzt.

Wie hoch ist das Budget für den Wahlkampf denn?

Streckeisen: Das ist bescheiden.

Wollen Sie keine Zahl nennen?

Streckeisen: 13 000 Franken.

Sie selbst stehen nicht mehr auf der Liste für den Nationalrat. Warum nicht?

Streckeisen: In meinem Alter fängt man nicht mehr damit an, im Nationalrat zu politisieren. Das ist nicht glaubwürdig.

Eine Partei geht extra mit einer Seniorenliste in den Wahlkampf.

Streckeisen: Ich weiss. Ich sehe das aber anders: Der Nationalrat braucht eher eine Verjüngung.

Bild: MICHèLE VATERLAUS

Bild: MICHèLE VATERLAUS