Ungehindert Ferien geniessen

BERLINGEN. Vor drei Monaten ging das erste Hotel auf, das sich ganz den Bedürfnissen von Behinderten verschrieben hat. Zurzeit weilt dort eine Gruppe in den Ferien, die das Angebot schätzt.

Gudrun Enders
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Pimp my Rolly: Im Garten des Ferienhotels werden Rollstühle aufgerüstet und verkleidet. (Bild: Reto Martin)

Pimp my Rolly: Im Garten des Ferienhotels werden Rollstühle aufgerüstet und verkleidet. (Bild: Reto Martin)

BERLINGEN. «Das Bierseminar wäre gut gewesen», sagt Leo Rusch. Aber auch Bierexperten machen einmal Ferien. Deshalb muss Ruschs Gruppe, die zurzeit im ersten Behindertenhotel der Schweiz logiert, darauf verzichten. Das Hotel bietet auch Gruppenaktivitäten wie etwa das Bierseminar oder ein Waldfondue an. Der 26jährige Rusch aus Hombrechtikon wusste sich im übrigen zu helfen und hat ein privates Bierseminar auf dem grossen Hotelbalkon abgehalten.

Es sind seine ersten Ferien in Berlingen: «Das Hotel ist mega.» Die moderne Ausstattung gefällt ihm und dass jeder über einen eigenen, elektronischen Zimmerschlüssel verfügt. Leo Rusch ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. «Die Betten sind extrem gut», auch die grosse Terrasse findet er gediegen.

Ein Hotel mit Pflegebetten

Eine Gruppe der Schweizerischen Muskelgesellschaft macht diese und die nächste Woche selbstbestimmte Ferien in Berlingen. Die Muskelgesellschaft informiert, berät und unterstützt Betroffene von sogenanntem Muskelschwund, ihre Angehörigen und Fachpersonen. Leo Rusch ist mit 14 weiteren Muskelkranken angereist – sowie 31 Betreuern. Zu letzteren gehört Tanay Kaymak. Der 24jährige Medizinstudent aus Basel sitzt in der Lagerleitung. Er ist für Material, Pflege und die medizinischen Aspekte dieser Ferien zuständig. Erstmals musste er nicht extra Pflegebetten beschaffen, um sie gegen herkömmliche Hotelbetten auszutauschen. Breite Gänge, Platz auf der Toilette, ein grosser Lift und der zuvorkommende Hotelservice – «das hatten wir noch nie», sagt Kaymak. Einzig zwei Elektrorollstühle passten nicht in ein und dasselbe Zimmer. Deshalb mussten die Betreuer zusammenrücken.

Sie kommen auf Empfehlung

«Wir bieten echten Hotelservice und keine Ferien in der Klinik.» Das ist Hoteldirektor Stefan Steiner sehr wichtig. Anfang Mai öffnete das erste behindertengerechte Hotel der Schweiz in Berlingen. Betrieben wird es von der Stiftung Pro Handicap. Nach langer Bauphase startete das Hotel laut Steiner ohne grosses Marketing. Die Gruppen buchen aufgrund von privaten Empfehlungen. Im Herbst etwa reist eine Gruppe aus Augsburg an. Sie hatten vom neuen Hotel im Magazin einer Behindertenorganisation gelesen. «Von wegen Frankenstärke», sagt Steiner. Wenn das Angebot stimme, finde man sich. Er holt die Agenda fürs nächste Jahr. Da ist das Hotel allein schon zusammengezählt drei Monate für Gruppenaufenthalte gebucht. Auch Menschen ohne Handicap können in diesem Hotel übernachten. Reist die aktuelle Gruppe am 8. August ab, ist das Hotel gleich wieder voll – mit Gästen, die zum Kreuzlinger Seenachtsfest gehen.