Ungehindert durchs Hotel rollen

In Berlingen entsteht das erste Hotel der Schweiz, das ganz auf die Bedürfnisse von Behinderten ausgerichtet ist. Am Samstag können Interessierte die Baustelle besichtigen. Das Projekt kostet insgesamt rund acht Millionen Franken.

Gudrun Enders
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Der Stiftungsrat inspiziert die Baustelle: Architekt Marcus Geitlinger (links) erklärt, wie Licht in den Speisesaal und Wintergarten geholt wurde. Geschäftsführer Stefan Steiner, Stiftungsrätin Susanne Vonwiller im Rollstuhl sowie ihre Freundin und Stiftungsrat Peter Kasper hören zu. (Bild: Reto Martin)

Der Stiftungsrat inspiziert die Baustelle: Architekt Marcus Geitlinger (links) erklärt, wie Licht in den Speisesaal und Wintergarten geholt wurde. Geschäftsführer Stefan Steiner, Stiftungsrätin Susanne Vonwiller im Rollstuhl sowie ihre Freundin und Stiftungsrat Peter Kasper hören zu. (Bild: Reto Martin)

BERLINGEN. Die Nachfrage ist gross. Reservierungen für das neue «Ferienhotel Bodensee» hat Geschäftsführer Stefan Steiner längst vorliegen. Dabei befindet es sich noch in Bau und wird erst im Frühling eröffnet. «Bislang gab es so ein Angebot nicht», sagt Steiner. Er weiss, wovon er spricht, er ist mit einer schwer- behinderten Schwester aufgewachsen. Das Projekt verwirklicht die 2011 gegründete Stiftung Pro Handicap.

Ohne Hilfe auf den Balkon

Gestern inspizierte unter anderem Stiftungsrätin Susanne Vonwiller aus Zürich den Baufortschritt. Vonwiller ist auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen. Mit dem Aufzug gelangte sie ohne Probleme ins Musterzimmer im dritten Stock. «Viele Hotels bieten rollstuhlgängige Zimmer an», sagt sie. In der Praxis bewährten sich dann aber die wenigsten. Die Schwelle zum Balkon etwa kann Vonwiller in der Regel nicht überwinden. Deshalb probiert sie das als erstes im Musterzimmer. Sie ruckelt ohne Hilfe auf den ausladenden Balkon, schaut begeistert in den zukünftigen Garten. Im Zimmer freut sie sich über Details, wie Regalböden aus Glas. «Da sehe ich auch von unten, was oben steht.» Das Bad besteht ebenfalls ihren Praxistest, allein Seifenspender und Handtuchhalter müssen noch in der richtigen Höhe angebracht werden. Geschäftsführer Steiner betont, dass alle medizinischen Vorrichtungen da seien, so dass sogar Schwerstbehinderte im neuen Hotel Ferien machen könnten, dass aber trotzdem keine Spital-atmosphäre aufkomme. Drauf sei besonders Wert gelegt worden. Zudem sind Nichtbehinderte im Hotel willkommen.

Initiant bietet Ausflüge an

Den Anstoss zum besonderen Hotel gab Stiftungsrat Peter Kasper aus Berlingen. Er hat ein Berufsleben lang Reisen für Behinderte organisiert. «Die wollen in ihren Ferien auch einmal frei sein», sagt Kasper aus Erfahrung. Er hat vielfach das Gegenteil erlebt, musste Behinderte auch in den Ferien um 17 Uhr zurück- bringen. «Die wurden gleich ins Bett gesteckt, bekamen Abendessen und verbrachten dann den ganzen Abend alleine.»

Kasper träumte von einem Ferienzentrum für Behinderte. Als das Altersheim Stern in Berlingen mit seinen drei Häusern und dem grossen Garten zum Verkauf stand, sah er eine Chance. Anfangs dachte er, mit einem kleinen Umbau sei das Problem gelöst. Doch inzwischen sind schon drei Millionen Franken verbaut, drei weitere Millionen wird das Projekt noch kosten. Das Geld kommt aus Spenden, Stiftungen und Darlehen.

Zu den 22 rollstuhlgängigen Zimmern im Haupthaus sollen weitere Zimmer für Betreuungspersonen in den beiden anderen Häusern kommen. Das Hotel will zusätzlich Erlebnis und Service bieten wie Tagestouren im hoteleigenen Rollstuhlbus. Diesen Part übernimmt Initiant Peter Kasper aus Berlingen.

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