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Und sie ging übers Feuer

WALLENWIL. Zisch, zisch, zisch. Wenn die einzelnen Regentropfen über der Glut verdunsten, zischt es leise. Das Reistöpfchen macht die Runde, auch ich spreche zum Feuer und füttere das brennende Krokodil mit einer Handvoll Reis.
Mit grossen Schritten tanzt Ruth Bossert durch die Hitze. (Bild: pd)

Mit grossen Schritten tanzt Ruth Bossert durch die Hitze. (Bild: pd)

WALLENWIL. Zisch, zisch, zisch. Wenn die einzelnen Regentropfen über der Glut verdunsten, zischt es leise. Das Reistöpfchen macht die Runde, auch ich spreche zum Feuer und füttere das brennende Krokodil mit einer Handvoll Reis. Jemand schubst mich und kichert: «Und wenn das Krokodil trotzdem Lust hat auf verbrannte Fusssohlen mit Käsegeruch?»

Eine Windböe nach der anderen zwängt sich um die Hausecke, die Kohlen glühen noch intensiver, während Beno Kehl den orangen Glutenteppich immer und immer wieder mit dem Rechen glättet. «Lass uns endlich laufen», denke ich und merke, dass ich darauf lechze, nun endlich durchs Feuer zu gehen und das zu erleben, worauf wir uns seit Stunden vorbereitet haben. In der Nachbarschaft singen die Sternsinger, über dem Stutz geht der Vollmond auf und meine nackten Fusssohlen brennen saumässig, vor Kälte, auch wenn meine Zehenspitzen die Gluten fast berühren.

Der Gang durchs Fegefeuer

Beno schaut uns der Reihe nach tief in die Augen. Will er prüfen, ob das innere Feuer seiner Gruppenteilnehmer stimmt und sie alle reif sind für die Hitzeprüfung?

Wenn der wüsste, wie meine Füsse langsam starr werden vor Kälte. Dann plötzlich atmet er tief ein, nimmt einen Schritt, einen zweiten, dritten und ist schon bald am anderen Ende des Teppichs. Es geht nochmals, heftig, schnell und mit Riesenschritten. Er lacht, ruft uns etwas zu und schon gehen wir alle im Gänsemarsch über die Gluten. Ich fühle mich wie im Sog, nehme mir weder Zeit zum Durchatmen noch zur Konzentration. Weder Gedanken noch Gefühle haben in diesem Moment Platz.

Ich hebe mein rechtes Bein, setze meine ganze Fusssohle auf die orange Glut, rolle ab und setze gleichzeitig meinen linken Fuss ab und schreite so über das vier Meter lange Fegefeuer. Endlich spüre ich Wärme, meine halbgefrorenen Fusssohlen frohlocken und ich jauchze, werfe die Arme in die Höhe und umarme Stefan, der mich mit der Kamera in der Hand am anderen Ende des Glutenmeeres erwartet. «Ich will noch mehr», tönt es in meinem Kopf und schon drängele ich mich vor. Wir gehen zu zweit, zu dritt, hinter einander und neben einander.

Durchs Feuer tanzen

Während die ersten Frauen ihre Socken und Schuhe anziehen, können andere kaum mehr aufhören. Beno beginnt zu tanzen, auch wir hüpfen, springen und tanzen wie kleine Kinder im Sommerregen. Ich spüre meine Füsse nicht mehr, sie fühlen sich taub an.

Nach der Glutenhitze werden sie von der saukalten Wiese und der schmierigen Erde angenehm wohlig gekühlt, bis sie nur Sekunden später schon wieder die Hitze von ungefähr 400 Grad erdulden müssen. Schock pur für die Fusssohlen, Adrenalin in doppelter Ration für die Psyche. Das Unfassbare ist geschehen, wir sind alle gelaufen. Wer es auch noch begreifen möchte, verdirbt sich bloss das Hochgefühl, in welchem wir noch lange schwelgen. Zu diskutieren, was es mit dem Phänomen tatsächlich auf sich haben könnte, dafür ist es jetzt der falsche Moment.

Schwarze Füsse

Das Fegefeuer liegt hinter uns, wir sitzen zufrieden über der selbstgemachten Suppe von Petra Gigli im Raum des Seins. Einzelne haben an ihren Füssen kleinste Brandblasen entdeckt, meine Füsse sind nur schwarz und wohlig warm. Wir sind uns einig, es war eine tolle Erfahrung, die uns ins neue Jahr tragen wird und die uns stark, lebendig und mutig die an uns gestellten Aufgaben bewältigen lässt. Doch ohne die mehrstündige Vorbereitung von Beno Kehl, der sich heute nach seiner Zeit als Franziskanermönch für den Verein Kahnu (Kostenlos, aber hoffentlich nicht umsonst) engagiert und sich in Burkina Faso für ein grosses Regenrückhaltebecken und mit dem Verein Tautropfen für weitere Projekte in Afrika einsetzt, hätten wir die Feuerprobe wohl nicht bestanden.

Ruth Bossert

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