…und sehr plötzlich waren sie Eltern

Die beiden Kinder von Nadja und Roger Grichting aus Buch sind beide als Frühchen zur Welt gekommen: Luna ist heute sechs und Ron drei Jahre alt. Sie erzählen über ihre Erfahrungen in einer prekären Situation und wie eine Frühgeburt das Familienleben auf den Kopf stellt.

Valentin Schneeberger
Merken
Drucken
Teilen
Richten ihr Leben komplett nach den Kindern: Nadja und Roger Grichting mit Luna (6) und Ron (3) zu Hause auf dem Sofa. (Bild: Reto Martin)

Richten ihr Leben komplett nach den Kindern: Nadja und Roger Grichting mit Luna (6) und Ron (3) zu Hause auf dem Sofa. (Bild: Reto Martin)

BUCH. Kinderzeichnungen hängen an den Wänden, Spielsachen liegen auf dem Boden und im Fernseher läuft ein Trickfilm. Im Wohnzimmer von Nadja und Roger Grichting sieht es wie auch bei vielen andern jungen Familien aus. Die sechsjährige Tochter Luna schaut gebannt auf den TV und lässt sich durch nichts ablenken. Auf dem Boden vor dem blauen Sofa sitzt ihr drei Jahre jüngerer Bruder Ron. Er kümmert sich lieber um seine Spielsachen und scheint sich für den Film überhaupt nicht zu interessieren.

Die Grichtings sind eine ganz normale Familie. Auf den ersten Blick. Nichts deutet darauf hin, dass Luna und Ron zu früh zur Welt gekommen sind.

Mit der Rega ins Kinderspital

Wie viele junge Paare freuten sich auch Nadja und Roger Grichting auf ihr erstes Wunschkind. Alles verlief nach Plan – bis zur 29. Schwangerschaftswoche. «Mein Hausarzt stellte bei mir plötzlich einen viel zu hohen Blutdruck fest, weshalb man mich zu weiteren Abklärungen ins Spital gebracht hat», erzählt Nadja Grichting. Dort ging dann alles sehr schnell. Noch während einer Arztvisite mussten die Ärzte einen Notkaiserschnitt vornehmen, um das Frühchen zu holen.

Das Mädchen wog bei der Geburt lediglich 760 Gramm und wurde sofort mit der Rega nach St. Gallen ins Kinderspital geflogen. «Wir hatten überhaupt keine Zeit, die Situation richtig einzuschätzen», sagt Roger Grichting.

Keine Zeit für Freunde

«Für eine Mutter ist es besonders schlimm, wenn das Kind nach der Geburt nicht da ist», sagt Nadja Grichting, die noch einige Tage auf der Intensivstation in Frauenfeld bleiben musste. «Wir gingen nichtsahnend zu einer Routinekontrolle und plötzlich waren wir Eltern», erinnert sich ihr Ehemann. Es sei ja noch nicht einmal ein Name ausgewählt gewesen. Erst ein paar Tage nach der Geburt entschieden sie sich, ihre Tochter Luna zu nennen.

Luna blieb noch zwölf Wochen lang im Spital. Für die Eltern war die Ungewissheit während dieser Zeit eine schwere Belastung. «Die drei Monate haben uns auf eine Probe gestellt», sagt Roger Grichting. Der junge Vater arbeitete Vollzeit und verbrachte seinen Feierabend bei Luna im Spital oder bei seiner Frau auf der Intensivstation. «Darunter litten die sozialen Kontakte mit Freunden und Bekannten», sagt er. Einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin konnten die Eltern ihre Tochter zum erstenmal mit nach Hause nehmen.

Weniger Glück als die Schwester

Luna entwickelte sich langsam zu einem gesunden Mädchen. Dennoch taten sich die Grichtings bei der Entscheidung für ein zweites Kind schwer. «Wir haben viel darüber gesprochen», sagt der Vater. «Die Erfahrung mit Lunas Geburt gab uns eine gewisse Sicherheit. Wir kannten nun die Ärzte, die Probleme, die eine Frühgeburt mit sich bringen kann, und entschieden uns für ein zweites Kind.» Doch auch bei Ron verlief die Schwangerschaft schliesslich nicht ohne Probleme. Zuerst verordnete der Arzt für Nadja Grichting drei Monate Bettruhe. Eine Woche später – in der 26. Schwangerschaftswoche – musste auch der Junge vorzeitig geholt werden. Ron wog bei der Geburt 670 Gramm – er hatte weit weniger Glück als seine Schwester. Lange musste er künstlich beatmet werden und zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen.

Roger Grichting kümmerte sich neben seiner Arbeit auch um den Haushalt, um seine mittlerweile dreijährige Tochter und um seine Frau. Den Abend verbrachte er am Spitalbettchen seines Sohnes.

Eine intensive Bindung

Der kleine Ron erwies sich als Kämpfer. Trotz einem Eingriff am offenen Herzen konnten ihn die Eltern nach sieben Monaten samt Sauerstoffgerät und Magensonde mit nach Hause nehmen. «Es gab auch danach noch viele bange Momente, in denen wir nicht wussten, ob Ron es schaffen wird», sagen sie. Auch heute noch hat der Dreijährige Probleme und muss weiterhin über die Sonde ernährt werden.

Alle Zeit für kleine Schritte

Unterstützung erhält die Familie von der Kinderspitex, einer Logopädin, eines Physiotherapeuten und einer Heilpädagogin. Sie alle begleiten Ron auf seinem weiteren Weg in ein normales Leben. «Er hat alle Zeit der Welt und wir freuen uns über jeden noch so kleinen Fortschritt, den er macht», sagt seine Mutter.

Ihr Leben richtet das Ehepaar Grichting komplett nach den Kindern aus. «Dadurch entsteht eine sehr intensive Bindung, die Menschen ohne diese Erfahrung nicht nachvollziehen können», sagt Roger Grichting.