…und schlug ihm ins Gesicht

FISCHINGEN. Tony Stocklin aus Steinhausen meldete sich bei unserer Zeitung, um seine Erlebnisse im Kinderheim in Fischingen mitzuteilen. Er erblickte 1946 das Licht der Welt in Oberwil im Kanton Zug. 1959 kam er für ein Jahr nach Fischingen, weil er die Sek-Prüfung nicht geschafft hatte.
Kloster Fischingen: Ein Ort voller Erinnerungen. (Archivbild: Nana do Carmo)

Kloster Fischingen: Ein Ort voller Erinnerungen. (Archivbild: Nana do Carmo)

Er erzählt, jeder Zögling habe das Heim anders erlebt. «Die einen sagen, sie seien von den Patres missbraucht worden. Ich hatte vor allem Angst vor den anderen Schülern.»

Sein Bericht: «In Fischingen weinte ich vorerst nächtelang, denn ich erlebte das erste und einzige Mal Heimweh. Geprügelt wurde ich nicht, denn ich war eher mager und noch klein und habe immer einen Bogen um alle Menschen gemacht. Erstaunt hatte ich festgestellt, dass auf Briefen Erziehungsheim als Titel stand. Da war wirklich alles zusammengewürfelt. Der Waise Wismer oder Wasmer, welcher sich auf den Rücken fallen liess und schrie und hysterisch fuchtelte, wenn man sich ihm näherte. Da war der Buff, welcher sich später das Leben nahm, wie ich hörte. Einen anderen nannten wir Lari, welcher nicht redete, aber versuchte, zwischen die Beine zu greifen…

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In Erinnerung geblieben ist mir auch der Schaller, weil er immer wieder abgehauen ist und dann wieder gefasst wurde. Er wusste immer Interessantes darüber zu berichten, wie er sich durchschlug. Zur Strafe wurde jeweils der Kopf kahlgeschoren. Das war tückisch wegen des Sonnenbrandes, denn wir mussten während der Ferien beim Bauer Schaffner antreten, um zu heuen. Genützt haben die verstörten Buben kaum, denn sie waren missmutig, gereizt und setzten die Gabel zu tief an und rissen sie hoch mit einem Ruck – ab und zu steckte sie im Hintern vom Vordermann.

Ein anderer Ausreisser war der Buschor. Er verklagte Kollegen, welche miteinander Sexspielereien machten. Er hatte kein Verhältnis zu Eigentum. Wo immer er vorbeispazierte, lief alles gleich mit. Wenn wieder etwas angestellt und der Verursacher nicht eruiert wurde, mussten wir kniend auf dem Holzboden vor dem Bett Rosenkränze beten.

Einer aus meiner Gruppe hiess René. Er war Bettnässer wie etliche andere. Das hat ziemlich gestunken im Schlafzimmer. Es wurde auch dem einen oder anderen im Schlaf die Hand ins kalte Wasser gehalten, um das Nässen auszulösen. Schnarchen getraute sich kaum jemand, denn die <Mithäftlinge> drückten einem sonst Zahnpasta in die Nase.

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Ich hatte tödliche Angst vor Wasser. So besuchte ich den Weiher oberhalb vom Kloster praktisch nie, wenn <Mithäftlinge> in der Nähe waren. So blieb mir erspart, dass mir ein Sack über den Kopf gezogen wurde, um ins Wasser getaucht zu werden. Dabei hätte es dort eindrückliche farbige Molche im Wasser gehabt. Beim Wandern nach Sirnach musste man aufpassen, dass einem die anderen nicht Ameisenhaufen in den Kragen stopften.

Ein unheimliches Spiel wurde getrieben, indem sich Buben von kräftigen Burschen die Brust zusammenpressen liessen, während sie die Luft anhielten, bis sie ohnmächtig wurden.

Unser Pater hiess Stefan – von uns heimlich Stiefel genannt. Mit ihm hatte ich keine Probleme, denn ich hatte mein Ziel vor Augen, die Hölle wieder zu verlassen, wenn ich die Sek-Prüfung schaffe. Der Schulbetrieb war allerdings nicht einfach. Am Anfang war ein Lehrer aus Graubünden dort. Er hat dauernd Kopfnüsse ausgeteilt, auch aus lauter Spass.

Dann kam ein Lehrer Hess aus Zug mit Hornbrille. Dieser wurde aber schnell kaputtgemacht. Ein frecher Schüler schlug ihm so ins Gesicht, dass die Brille wegflog. Dann kletterte der Frechdachs aus dem Fenster und die Dachrinne hinunter.

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Nachdem ich die Berichte in der Presse las betreffend Missbräuche seitens der Geistlichen, war ich der Meinung, dass die ganze Situation ganzheitlich betrachtet werden muss. Da ich kein Waisenkind war und mich kaum getraute, Befehle zu verweigern, hatte ich nie etwas von den Oberen zu befürchten. Wenn meine Eltern mir sagten, ich ramme dem armen Jesus (Bild an der Wand) die Dornen in den Kopf, wenn ich nicht gehorche, hat das seine Wirkung nicht verfehlt.

Man kann sich kaum vorstellen, wie schwierig es für die Patres und Schwestern war. Am Sonntag, als eine junge Klosterschwester mit dem Desserttablett an den Tisch kam, sind die frechsten Burschen wie Wölfe auf das Tablett gestürzt. Das hat sich die Klosterfrau nicht bieten lassen, denn sie wollte die Kuchen gerecht verteilen. So lagen schliesslich die Schwester und ein Lümmel am Boden und hatten sich in den Haaren, vielmehr riss er ihr die Haube weg, versetzte Tritte und sie wehrte sich tapfer mit Kratzen und Beissen.

Besonders in Erinnerung ist mir Herr De Neve geblieben. Er wurde als Weltlicher eingestellt. Da ich keine Freude am Bauern hatte, hatten meine Eltern mich angelogen und gesagt, ich könne Ferien verbringen in Fischingen. In diesem Glauben lachte ich am ersten Tag dem De Neve ins Gesicht, als er mich zum Kartoffelrüsten aufforderte. Ich sagte ihm, ich sei doch in den Ferien. Er hatte eine Bären-Tatze und ich flog beim ersten Schlag gleich in die Ecke.

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Ich bin überzeugt, dass vor allem Waisenkinder Opfer waren und Täter wurden. Auf eindrückliche Art hatte ich schon als Zweitklässler am Rande auch den Fall Harry mitbekommen, welcher als Sklave oder Verdingbub der Familie O. in Oberwil ausgeliefert war. Er wurde regelmässig massiv geprügelt von Grossvater O. (wir nannten ihn heimlich den Bäri) und durfte kaum essen und durfte nie spielen. Als er die Lehre antrat, starb er deshalb nach einer Woche an Unterernährung. Die Frau vom Bäri schämte sich nicht, zu bemerken, er habe Äpfel gestohlen, nachdem meine Mutter kondolierte. Wir sahen es deshalb als Strafe Gottes an, als die halbe Familie kurz darauf in der Gülle ertrank.»

aufgezeichnet von Inge Staub

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