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UESSLINGEN: Gemeine Vorwürfe gegen trauernde Familie

An der Stelle, wo Ursula Bertschs Sohn vor über einem Jahr tödlich verunglückt ist, befindet sich ein kleiner Gedenkort. Ein anonymer Verfasser hat dort einen Brief hinterlegt, der Vorwürfe an die Familie richtet und sie beleidigt.
Sabrina Bächi
Ursula Bertsch an der Gedenkstelle ihres Sohnes in der Nähe von Uesslingen. (Bild: Reto Martin)

Ursula Bertsch an der Gedenkstelle ihres Sohnes in der Nähe von Uesslingen. (Bild: Reto Martin)

UESSLINGEN. «Es reicht! Baut endlich ab. Hättet ihr so gut zu ihm geschaut, als er stockbetrunken war, müsstet ihr jetzt keine Grabstätte pflegen. Hier ist kein Friedhof», steht auf dem laminierten Zettel. Er liegt inmitten des liebevoll hergerichteten Gedenkortes. Vier grosse Laternen mit Kerzen drin stehen auf dem mit Holzschnitzeln aufgeschütteten kleinen Platz – ein Rosenstock, kleine Figürchen, ein Engel liegen daneben, direkt unter der Verkehrstafel. Immer wieder rauscht ein Auto vorbei. Die Trauerzeichen erinnern an den schrecklichen Unfall, der sich vor 13 Monaten in der Nähe von Uesslingen ereignete. Er veränderte alles im Leben von Ursula Bertsch. Zu Fuss machte sich ihr 26jähriger Sohn Lukas auf den Heimweg von einem Fest, auf dem er ausgelassen mit seinen Freunden gefeiert hatte. Wahrscheinlich ist er hingefallen und auf der Strasse liegen geblieben, als sich ein Auto näherte. Er wurde übersehen und überfahren. Trotz sofortiger Rettungsmassnahmen verstarb er noch auf der Unfallstelle.

«Dieser Erinnerungsort hat für viele einen starken Bezug und ist nicht weit von unserem Zuhause entfernt. Auch viele seiner Kollegen wohnen in der Nähe – das ist vielleicht einer der Gründe, warum so viele an die Stelle gehen und sie mit kleinen Sachen wie Blumen schmücken», sagt Ursula Bertsch. Auch mehr als ein Jahr nach dem Unfall findet sie immer wieder neue Gegenstände an der Unglücksstelle. «Es scheint nicht nur für uns als Angehörige, sondern auch für seine Freunde und Kollegen ein Bedürfnis zu sein, an diesen Ort zurückzukehren.» Als Ursula Bertsch vor ein paar Tagen den Gedenkort ihres Sohnes aufsuchte, fand sie den laminierten Brief. Der anonyme Verfasser hat deutliche Worte gefunden, seinen Unmut kundzutun. Für Ursula Bertsch eine schwierige Situation: «Es ist sehr verletzend und schockierend», sagt sie bedrückt.

Die Stelle, an der ein Angehöriger oder Freund aus dem Leben scheidet, ist für viele Betroffene ein spezieller Ort, das sagt auch Stefan Krähenbühl von der Stiftung Road Cross Schweiz. «Viele Verbliebenen spüren am Unfallort eine spezielle Verbindung zur verstorbenen Person», sagt er. «Meist hat der Unfalltod etwas Schicksalhaftes, Zufälle spielen dabei eine Rolle, die man schwer begreifen kann», sagt Krähenbühl. Grundsätzlich sei Trauer jedoch eine individuelle Angelegenheit. Für manche sei sie etwas sehr Privates, anderen würde beispielsweise ein Gedenkort helfen, das Geschehene besser zu verarbeiten. «Da prallen zwei Welten aufeinander», sagt Krähenbühl, «und leider begegnen gewisse Menschen einer solchen Situation mit Unmut.»

Traumatisierende Situation und plötzlicher Abschied

Auch Spitalseelsorger Markus Aeschlimann aus Frauenfeld bezeichnet die Situation von Angehörigen von Verkehrsopfern als sehr erschütternd. «Der Tod kommt völlig unerwartet. Sie können sich nicht verabschieden – die Trauer trifft sie mit voller Wucht. Bei einem Abschied nach einem Krankheitsweg wird die Trauer seelisch vorbereitet, bei einem Unfall geht das nicht.» Der Unfallort bekommt dadurch ein besonderes Gewicht. Dieser Ort könne auch helfen, der Trauer Raum zu geben, weil der Schrecken an einem Ort festgemacht werden kann: «Dennoch ist es wichtig, sich von diesem Ort auch wieder zu lösen», sagt er. Für die Angehörigen sei das kein leichter Schritt und eine weitere Herausforderung, aber es sei ein Schritt zurück in die Normalität. «Die Strasse ist ein Ort des Alltags, das führt zu einer Vermischung mit der persönlichen Trauer. Trauernde sollten dem alltäglichen Gebrauch der Strasse nach einer Zeit auch wieder Raum geben – den Alltag der Strasse zurückgeben, könnte man sagen.»

Eine anonyme Botschaft ist nicht lösungsorientiert

Dass die Vermischung von öffentlichem Raum und persönlicher Trauer zum Konflikt führen kann, sei verständlich. Eine anonyme Botschaft könne aber nicht die Lösung für dieses Problem sein. «Ich glaube, der Brief beinhaltet zwei Botschaften. Erstens ist ein Bedürfnis darin formuliert, dass der Platz wieder zur Normalität gehören soll. Zweitens steckt ein Vorwurf darin, den ich sehr problematisch finde», sagt der Pfarrer. Ein anonym verfasster Vorwurf sei ein schwieriger Weg, um etwas zu thematisieren. Das Bedürfnis, die Strasse wieder in den Alltag zurückzubringen, sei legitim, meint er, «aber ein Gespräch ist viel lösungsorientierter als eine anonyme Botschaft.»

Für die Kantonspolizei Thurgau gibt es keinen Grund, Gedenkorte am Strassenrand abzuräumen. Solange die Sicherheit im Strassenverkehr gewährleistet und der Landbesitzer damit einverstanden ist. Bisher sei es im Thurgau noch nie vorgekommen, dass man eine Gedenkstätte hätte abbrechen müssen.

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