Übles Mail könnte Folgen haben

Maurus Candrian, St. Galler Kantonsangestellter, bejubelte den Tod von fünf israelischen Touristen bei einem Attentat in Bulgarien und wurde dafür verurteilt. Nun bereut er die Aussagen – und der Kanton überlegt sich Konsequenzen.

Marcel Elsener/David Scarano
Drucken
Teilen
Das Attentat in Bulgarien war der Auslöser von Maurus Candrians «Jubel-Mail» an die israelische Botschaft. (Bild: epa/Stringer)

Das Attentat in Bulgarien war der Auslöser von Maurus Candrians «Jubel-Mail» an die israelische Botschaft. (Bild: epa/Stringer)

ST. GALLEN. Als die «Sonntags-Zeitung» die Meldung vom anti-israelischen «Jubel-Mail» und dem Urteil gegen den St. Galler Beamten verbreitete, war für hiesige Politkenner klar, um wen es sich handeln musste: Maurus Candrian. Der Ex-CVP-Kantonsrat und Ex-Co-Präsident der Grünliberalen, der zuletzt als Freidenker auftrat, gilt als strikt antireligiöser und streitbarer Mann von prononcierten Ansichten. In einem Online-Kommentar schrieb er unter anderem, er hoffe, dass alle Deutschen, die gegen das afghanische Volk kämpfen, «eines Tages vernichtet und ausradiert werden». Im Dezember wurde der Sektionsleiter UVP und Planbeurteilung im St. Galler Baudepartement, dem zwei Mitarbeiter unterstellt sind, wegen Rassendiskriminierung zu 90 Tagen bedingt und einer Geldbusse von 25 000 Franken verurteilt.

Candrian entschuldigt sich

Gemäss «Sonntags-Zeitung» zeigte sich Candrian uneinsichtig, gegenüber unserer Zeitung schlug er gestern andere Töne an. Er sagte: «Ich würde es sicher nicht wieder machen.» Und: «Wenn ich die Gefühle der Juden in irgendeiner Weise verletzt habe, dann entschuldige ich mich.» Es sei eine «schlecht und im Ärger formulierte» Kritik an Israel gewesen. Dies im Zusammenhang mit dem ungelösten Konflikt im Nahen Osten und den vielen Opfern in der Zivilbevölkerung Palästinas.

Für Candrian ist der Nahe Osten ein Dauerthema. Im Internet finden sich viele seiner Kommentare. In einem outet er sich als «Antizionist», zudem spricht er häufig von Juden und Judenstaat, was den Vorwurf des Antisemiten nährt. Candrian weist diesen aber klar von sich: «Antisemitismus und Antizionismus ist in keiner Weise vergleichbar.»

Bei der jüdischen Gemeinde St. Gallen reagiert man empört auf den Vorfall. Der Kommentar zum Attentat sei antisemitisch und «grundsätzlich menschenverachtend». Sie erwartet Sanktionen gegen den leitenden Kantonsbeamten. «Verhalten sich Staatsangestellte politisch so unkorrekt, wäre es stossend, wenn der Kanton nichts unternehmen würde.»

«Entsetzt und verärgert»

Auch im Baudepartement (BD) ist die Empörung über die rassistischen Ausfälle des Kollegen gross; kaum ein Mitarbeiter, der gestern nicht darauf angesprochen wurde. Schon deshalb, weil aufgrund der Medienberichte Dutzende Sektionsleiter «unter Generalverdacht» gerieten, war Departementsvorsteher Willi Haag daran gelegen, dass der Name des Verurteilten publik gemacht und andere Mitarbeiter in gleicher Position vor Anschuldigungen geschützt würden. Nach einer Anhörung über Mittag stimmte Candrian diesem Anliegen zu. Haag wandte sich in der Folge mit einem persönlichen Mail an die 650 BD-Mitarbeitenden, in dem er den Namen veröffentlichte und die Äusserungen in schärfster Weise verurteilte: «Ich bin darüber entsetzt und verärgert.» Auch wenn Candrians Äusserungen nicht direkt mit seiner Arbeit zusammenhingen, schadeten sie «dem Image des Baudepartementes und der gesamten Kantonsverwaltung erheblich», schrieb Haag weiter. «Diese Äusserungen sind mit den gelebten Werten unserer Verwaltung nicht vereinbar.» Was aber bedeutet «nicht vereinbar» fürs Arbeitsverhältnis? Ist der Kantonsangestellte als leitender Mitarbeiter noch tragbar? Der öffentliche Druck, den Umweltplaner zu entlassen, ist im BD spürbar; die Reaktionen sind auch von nicht-jüdischer Seite geharnischt.

Kündigung möglich

«Natürlich wäre es am einfachsten zu sagen, der Mann arbeite seit gestern nicht mehr bei uns», sagt Willi Haag. Man müsse als öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber aber «fair und überlegt» entscheiden. «Auf einen Tag mehr oder weniger» komme es bei einer allfälligen Sanktion nicht mehr an. Tatsächlich ist der Baudirektor von seinem bereits verurteilten Mitarbeiter erst vergangenen Donnerstag über den Fall informiert worden. Auch der Kommunikationschef des BD hatte bis am Wochenende keine Kenntnis davon. Laut Haag hat der ehemalige Kantonsrat seine langjährige Arbeit im Amt für Umwelt und Energie gut gemacht und mit seinen politischen Ansichten «nicht missioniert». Kantonsangestellte hätten «privat keinen Maulkorb», allerdings müsse man sich in diesem Fall «schon fragen, ob solche Meinungen noch tragbar sind».

Bis Ende Woche wollen die Baudirektion und das Personalamt entscheiden, ob Candrian weiter für den Kanton arbeiten kann oder ob er mit einer disziplinarischen Strafe davonkommt. Gemäss Artikel 21 des Personalgesetzes bedarf eine Kündigung eines «ausreichenden sachlichen Grundes», etwa «wegen schwerwiegenden schuldhaften Verhaltens ausserhalb des Arbeitsverhältnisses, das mit diesem offensichtlich nicht vereinbar ist».

Candrian ist sich bewusst, dass er ein zweites Mal bestraft werden könnte: «Meine Zukunft ist offen.» Möglich, dass er nicht sofort, aber in einigen Monaten nicht mehr beim Kanton St. Gallen arbeitet.

Maurus Candrian (Bild: pd)

Maurus Candrian (Bild: pd)

Aktuelle Nachrichten