ÜBERLASTUNG: Gegen Burn-out auf dem Bauernhof

Angespannte finanzielle Situation und wenig Freizeit; Landwirte sind Burn-out-gefährdet. Der Verband Thurgauer Landwirtschaft wirkt dem entgegen. Auch das Bäuerinnenforum nimmt sich des Themas an.

Larissa Flammer
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In der Landwirtschaft sind Arbeit und Familie eng verflochten; ein möglicher Faktor für eine Burn-out-Gefährdung. (Bild: Getty Images)

In der Landwirtschaft sind Arbeit und Familie eng verflochten; ein möglicher Faktor für eine Burn-out-Gefährdung. (Bild: Getty Images)

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Überforderung und Überlastung sind Themen, die der Verband Thurgau Landwirtschaft (VTL) ernst nimmt. Eine aktuelle Studie von Agroscope und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, dass Landwirte tendenziell häufiger von Burn-out betroffen sind, als der Durchschnitt der übrigen Bevölkerung. Gemäss der Untersuchung sind unter anderem die finanzielle Situation, Freizeitmangel und Zeitdruck sowie die enge Verflechtung von Arbeit und Familie entscheidende Faktoren.

Der Verband Thurgauer Landwirtschaft hat mit dem «Wegweiser für Thurgauer Bauernfamilien» ein Netzwerk aufgebaut mit Leuten – Berufskollegen wie Fachpersonen –, die zuhören, verstehen, beraten und motivieren können. Ein Flyer listet alle Kontaktpersonen auf. Betroffene können sich eine Vertrauensperson aussuchen und vertraulich mit ihr sprechen. Eine der Kontaktpersonen ist Willi Reust, Landwirt aus Affeltrangen und Mitglied der VTL-Kommission «Soziales». Es gibt mehrere Berufskollegen, die sich jeweils bei ihm melden. «Wenn möglich gehe ich dann zu ihnen auf den Hof zu Besuch», sagt Reust. Die Probleme der Landwirte seien vielfältig. «Geduldiges Zuhören ist sehr wichtig und kann Situationen schnell entschärfen.»

Arzt und Bauernpfarrer bieten Hilfe

Dasselbe Thema greift auch das diesjährige Bäuerinnenforum auf. «Wenn alles zu viel wird», lautet der Titel. Referieren werden Beat Heuberger, Oberarzt des Externen Psychiatrischen Diensts Kreuzlingen und medizinischer Leiter des Care Teams Thurgau, sowie Pierre-André Schütz, Bauernpfarrer aus dem Kanton Waadt. Heuberger ist als Oberarzt sowie als Paar- und Familientherapeut mit den aktuellen Problemen von Familienbetrieben in der Landwirtschaft vertraut. Er thematisiert Anzeichen von Überforderung und erklärt, was Landwirte selber tun können. Schütz hat schon über hundert Bauernfamilien in schwierigen Lebensphasen begleitet. Er berichtet über sein seelsorgerisches Wirken, seine Erfahrungen und Erlebnisse.

Hagelschlag und Sturm waren zu viel

Von eigenen Erlebnissen mit dem Thema Überforderung weiss auch Andrea Heimberg Müller zu berichten. Sie sitzt in der VTL-Kommission «Frauen in der Landwirtschaft» und ist Mitinitiantin des Bäuerinnenforums. «Ja, auch mir wird manchmal alles zu viel», schreibt sie im «Thurgauer Bauer». Erst diesen Sommer sei sie «ziemlich auf dem Zahnfleisch dahergekommen», nachdem es mehrere Todesfälle in ihrem Umfeld gegeben hatte und sie innerhalb von drei Wochen 40 Projektarbeiten habe korrigieren müssen. «Der Hagelschlag und der tornadoartige Sturm vom 2. August brachten mich endgültig an meine Grenzen», schreibt sie. Aufräumarbeiten, Erwerbsausfall, Rückstand bei den Feldarbeiten. Nachdem deshalb die geplanten Ferien abgesagt werden mussten, habe sie für sich die Notbremse gezogen. Heimberg Müller verreiste für drei Tage alleine. Sie besuchte ihren Onkel, vier gute Freundinnen und erwies Polo Hofer die letzte Ehre. «Die Zeit mit mir selber, der Austausch mit den mir lieben Menschen und das Schwelgen in Erinnerungen an meine Adoleszenz haben mir unendlich gut getan, mich entspannt und für die Herausforderungen des restlichen Sommers gestärkt.»

Auf das Thema gekommen sind die Mitglieder der Kommission «Frauen in der Landwirtschaft» durch einen Medienbericht mit der Schlagzeile «Immer mehr Bauern am Rande der Verzweiflung». Die Diskussion untereinander habe deutlich gemacht, dass dieses Thema am Bäuerinnenforum aufgegriffen werden sollte, sagt Heimberg Müller. Bis ein Bauer oder eine Bäuerin Hilfe in Anspruch nehme, stehe das Wasser oftmals bis zum Hals. «Schliesslich sind beide äusserst anpassungsfähig und hart im Nehmen», sagt die Mitinitiantin. Sie betont: «‹Verzell› ist eine Aufforderung, die jeder von uns an einen Mitmenschen in dieser Situation richten kann.» Durch Rede, Hilfe und Beratung könne der Druck auf ein erträgliches Mass gesenkt werden.

Hinweis Bäuerinnenforum 2017 «Wenn alles zu viel wird»: Donnerstag, 9. November, 20 Uhr, Gasthaus zum Trauben, Weinfelden