«Über einen verletzten Arm jammerte niemand»

Eine Reihe von tragischen Flüchtlingskatastrophen schlägt zurzeit Wellen. Auch ein Schweizer Schiff der MCT Breithorn mit Sitz in Frauenfeld führte im vergangenen November eine Rettungsaktion durch. Geschäftsführer Arne Solaas ist froh, dass die rund 100 Flüchtlinge damals glimpflich davongekommen sind.

Perrine Woodtli
Drucken
Teilen
Eine Besatzung des Chemikalientankers MCT Breithorn rettete im vergangenen November über 100 Flüchtlinge. (Bild: Screenshot/YouTube)

Eine Besatzung des Chemikalientankers MCT Breithorn rettete im vergangenen November über 100 Flüchtlinge. (Bild: Screenshot/YouTube)

Herr Solaas, einer Ihrer Chemikalientanker nahm im November 2014 rund 100 Schiffbrüchige auf. Was ist passiert?

Arne Solaas: Die Flüchtlinge, die sich auf einem kleinen Boot befanden, setzten ein Notsignal ab. Sie waren von Afrika nach Italien unterwegs. Da das gesamte Gewässer überwacht wird, meldete sich die italienische Küstenwache bei unserem Schiff, da es am nächsten war.

War die Besatzung überhaupt imstande, all diese Leute zu retten?

Solaas: Sagen wir es mal so: Es ist, wie wenn man auf der Autobahn an eine Panne heranfährt. Man hat zum Beispiel das Erste-Hilfe-Set dabei und weiss, was zu tun ist. Ob man sich in diesem Moment aber an alles erinnert, ist fraglich. Das eine ist Theorie, das andere Praxis. Grundsätzlich sind aber alle Schiffe so ausgestattet, dass eine Rettung möglich ist. Und leider ist es ja keine Seltenheit, dass solche Boote auf dem Mittelmeer unterwegs sind und in Not geraten.

Wohin wurden die Flüchtlinge dann gebracht?

Solaas: Da das Schiff für eine zwanzigköpfige Besatzung ausgerüstet und nicht auf 100 Gäste vorbereitet war, wurden sie nach Italien gebracht. Die Nahrungsmittel waren schliesslich begrenzt. Unser Schiff war eigentlich auf dem Weg zum Suezkanal. Aber zuerst mussten die Leute an Land gebracht werden. Natürlich waren für jene Zeit aber genügend Wasser, Kleidung und Proviant an Bord.

Hatten sie auch genügend Platz?

Solaas: Man muss sich so einen Tanker so gross wie ein Fussballfeld vorstellen. Klar konnten nicht alle in einem Doppelbett untergebracht werden, aber jeder war gut geschützt.

Gab es unter den Flüchtlingen auch Verletzte, die behandelt werden mussten?

Solaas: Nein, jedenfalls nichts Tragisches. Die Menschen mussten mit Strickleitern auf das Schiff klettern, was nicht ganz ungefährlich ist. Da hat sich vielleicht mal jemand den Finger oder den Arm leicht gequetscht. Unter diesen Umständen und in dieser Situation gab es da aber wohl wenig zu jammern.

Konnte die Besatzung alle retten?

Solaas: Ja, zum Glück. Alle sind mit Haut und Haar gesund davongekommen. Die Rettungsaktion war nicht einfach, da es bereits dunkel wurde. In der Dunkelheit sieht man keinen Menschen mehr. Wer dann schiffbrüchig ist, hat ein Problem. Unsere Besatzung hatte den Einsatz deshalb auch aufgenommen, um das zu zeigen. Das Video wurde auch auf Youtube hochgeladen.

War es bisher die einzige Rettungsaktion mit einem Schweizer Schiff?

Solaas: Das kann ich nicht genau sagen. Ich kenne solche Fälle nur von früheren Unternehmen, ausserhalb der Schweiz. Da es nicht viele Schweizer Hochseeschiffe gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Schweizer Schiff gerettet zu werden, jedoch allgemein relativ klein.