Turmspatz

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Festflüchter

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«Ihr habt es gut», sagte Frau Meise zu uns, «ihr wohnt hier oben am Turm mit direktem Blick auf das Festgelände, ihr werdet immer dabei sein, wenn Steckborn feiert.» Herr Meise doppelt nach: «Ihr braucht euch nur aus dem Nest zu lehnen, schon seid ihr mitten unter den Leuten.» «Ach was», seufzte meine Frau Turmspatz, «all diese Festwochenenden, die vor uns liegen, belasten uns, wir wollen einfach unsere Ruhe.» Frau Meise lachte schnippisch. «Ihr wollt uns doch nicht weismachen, dass ihr keine Lust auf diese Festerei habt? Mittelaltermarkt, Stadtfest, Seemannschor, Besuch des Bischofs, davon kann man doch nicht genug bekommen, oder?» Ihr Meisengatte pflichtet ihr bei: «Am Abend auf dem Festplatz sitzen mit Bier, Wurst und Musik, was will man mehr?» Frau Turmspatz verdrehte die Augen. Ich zwinkerte ihr zu und fragte möglichst beiläufig: «Wie ist es bei euch zu Haus?» «Langweilig», zwitscherte die Meisengattin. «Wir wohnen am See, Blick aufs Wasser, Wind, Wellen, sonst nichts.» «Da hätten wir eine Idee», flötete meine Dame. «Unter gewissen Umständen wären wir durchaus bereit, für einige Wochenenden zu tauschen.» Und so machen wir uns jeden Freitag auf die Socken und flattern an den See. Es ist so, wie Frau Meise gesagt hat: Wasser, Wind und Wellen. Von weitem etwas Musik. Wenn dann Steckborn am Montag verkatert zur Arbeit wankt, kehren Herr und Frau Turmspatz wunderbar erholt in ihr Nest zurück.