Trübe Aussichten im klaren Wasser

Acht Tonnen muss ein Berufsfischer jährlich fangen, um davon leben zu können. Im Bodensee ziehen sie nur knapp die Hälfte dieser Menge aus dem Wasser. Ihr Ruf nach mehr Phosphat für grössere Erträge bleibt ungehört, berichten Silvan Meile (Text) und Nana do Carmo (Fotos).

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Reto Leuch bereitet sein Netz zum Auswurf vor. (Bild: Nana do Carmo / TZ)

Reto Leuch bereitet sein Netz zum Auswurf vor. (Bild: Nana do Carmo / TZ)

LANDSCHLACHT. Reto Leuchs Fischerboot schippert mit leise tuckerndem Motor über den stillen, flachen Bodensee. Es ist Abend, die Sonne steht tief. Ein Fisch springt aus dem Wasser, andere tun es ihm nach. «Das ist ein gutes Zeichen», sagt Leuch, während er mit beiden Händen sein Fischernetz ausrollt.

Doch für den Berufsfischer ist das nur ein kleiner Lichtblick. Denn in seinen Netzen zappeln immer weniger Fische. «Im vergangenen Jahr verzeichnete die Fischerei am Bodensee die schlechtesten Erträge seit 60 Jahren», sagt Leuch, Präsident der Schweizer Berufsfischer am Bodensee. Und auch das laufende Jahr wird diesen Negativrekord nicht brechen, merkt der 44jährige Familienvater an: «Der Gewässerschutz ist weit über sein Ziel hinausgeschossen.» Er wirft sein Netz ins klare Wasser.

Es geht ums Überleben

Im vergangenen Juli standen sämtliche fünf Berufsverbände aller Anrainerstaaten medienwirksam für mehr Nährstoffe im Bodensee ein. Mit einer Petition sammeln sie seither hüben wie drüben Unterschriften für ihr Anliegen. Die Petition möchten sie den Umweltministern übergeben: Die Kläranlagen rund um den See sollen weniger Phosphat ausfällen, um mehr Algen beziehungsweise mehr Nahrung für die Fische und damit grössere Fischbestände im See zu haben.

Die Fischer fordern eine «kontrollierte Anhebung» des Phosphats von sechs auf etwa zwölf Milligramm pro 1000 Liter. Damit bliebe der Bodensee ein gesunder Trinkwasserspeicher, argumentieren sie, und der Rückgang an Fischen könnte gestoppt werden. Berufsfischer Reto Leuch nennt es «einen Mittelweg zwischen striktem Gewässerschutz und gesundem Ökosystem». Akzeptable Fischbestände ohne negativen Einfluss auf die Trinkwasserqualität seien möglich. Wer über Verschmutzung spreche, müsse sowieso nicht nur mit Phosphor argumentieren, sondern auch Plastikteile, Arsen, Medikamentenrückstände und etwa Hormone im Seewasser mitzählen.

Die meisten Kunden in Reto Leuchs eigenem Fischladen würden die Petition der Berufsfischer unterschreiben, sagt er. Übers Internet hätten sich die Fischer aber mehr Erfolg versprochen, fügt Leuch hinzu. Und es gab auch schon geharnischte Reaktionen, sogar anonyme Briefe. «Wir werden teilweise hingestellt, als wären wir nur auf den Profit aus», sagt Leuch. Doch es gehe um mehr. Die Berufsfischer kämpften um ihre Existenz, um die Zukunft ihres Berufsstandes. «Acht Tonnen Fisch braucht ein Betrieb jährlich, um überleben zu können», sagt Leuch. Heute komme man mit einem Berufsfischerpatent noch auf knapp die Hälfte.

Weniger Patente, mehr Netze

Weil er alleine von der Fischerei seine Familie nicht ernähren kann, betreibt Leuch an Land noch Obstbau. Auch die meisten seiner Berufskollegen seien auf ein zweites Standbein angewiesen, sagt er. Trotzdem reichen die Fische nicht für alle: «Mit den aktuellen Aussichten hat es rund um den Bodensee künftig noch Fische für etwa 80 Berufsfischer. Heute sind es noch 120, davon etwa 30 im Thurgau.» Weniger Patente und mehr Netze für jeden einzelnen, das könnte die Berufsfischer künftig über Wasser halten. «Viele Berufskollegen sind bereits über dem Pensionsalter, auslaufende Patente müssten auf die bestehenden Fischer verteilt werden, ohne jemandem etwas wegzunehmen», sagt Leuch.

Warten auf die Politik

Doch solche Pläne brauchen im internationalen Gewässer Bodensee zwingend Einstimmigkeit unter den Berufsfischerverbänden. Und die herrscht nicht einmal immer zwischen den Vertretern Bayerns und Baden-Württembergs. Die heute gültigen Richtlinien bezüglich der Handhabung von Patenten basiert noch immer auf der Bregenzer Übereinkunft aus dem Jahr 1893.

Der Ruf nach mehr Phosphat im See vom vergangenen Juli verhallte an allen Ufern. Der Bodensee sei ein komplexer und vielfältiger Lebensraum und kein Kartoffelacker, auf dem man mit Dünger die Ernte vergrössert, liessen etwa Umweltverbände aus Baden-Württemberg verlauten. Auch Beat Baumann, Chef des Amts für Umwelt des Kantons Thurgau, sagte, der Bodensee müsse in diesem sauberen Zustand an die Herausforderungen der Zukunft geführt werden. Die prognostizierte Erwärmung des Klimas verschlechterte die Sauerstoffversorgung im See. Ein höherer Phosphorgehalt würde die Situation weiter verschärfen, sagt er.

Doch die Berufsfischer hoffen, dass ihr letzter Trumpf noch sticht: «Der ökologische Fussabdruck unseres Produkts ist unschlagbar», sagt Leuch. 97 Prozent des in der Schweiz konsumierten Fisches werde aus allen Ecken der Welt hierhin verfrachtet. «Da könnte man mit dem Fisch als regionalem Lebensmittel aus Wildfang zumindest etwas Gegensteuer geben», sagt Leuch. Doch dafür die Gewässerschutzbestimmungen zu lockern, war für die Politik bisher ein viel zu hoher Preis. Der Nationalrat versenkte einen geplanten Pilotversuch im Brienzersee im Jahr 2012 deutlich.

«Vielleicht ist unsere Forderung ihrer Zeit voraus», sagt Leuch auf seinem Fischerboot. Auf der deutschen Seite würden die Fischer nun aber Unterstützung von einzelnen Politikern bekommen. Für sie scheint das Argument des ökologischen Fussabdrucks schwerer zu wiegen als der möglichst tiefe Phosphatgehalt im See. «Das lässt uns wieder hoffen», sagt Leuch. Auf der Schweizer Seite warten die Fischer noch auf politische Unterstützung.

Fischen hat man im Blut

Das Netz ist ausgeworfen. Reto Leuch geht in die Führerkabine und wendet das Boot, um zurück ans Ufer zu fahren. Fast einen Kilometer weit schwebt nun das Fischernetz wie ein Vorhang bis morgen früh einige Meter unter Wasser. Dann wird es Reto Leuch wieder in sein Boot ziehen. «Fischer ist man, weil man es im Blut hat», sagt er. Trotz der trüben wirtschaftlichen Aussichten hofft er, dass sein Sohn die Fischerei mit dem eigenen Laden und die Belieferung der Restaurants dereinst in der vierten Generation weiterführen wird. Er selber fische weiter, auch wenn der Bodensee künftig noch weniger Fische hergebe. Eine kühle Brise kommt auf. Die Sonne geht auf dem Wasser unter. Morgen sieht Reto Leuch sie wieder über dem See aufgehen.

Bis 10. Januar gilt noch die Schonzeit für Felchen. Sie machen über die Hälfte der Fischerträge aus dem Bodensee aus.

Obwohl er immer weniger Fische in seinen Netzen hat, fährt Reto Leuch täglich mit seinem Boot auf den Bodensee. (Bild: Nana do Carmo / TZ)

Obwohl er immer weniger Fische in seinen Netzen hat, fährt Reto Leuch täglich mit seinem Boot auf den Bodensee. (Bild: Nana do Carmo / TZ)