Treffpunkt in Romanshorn: Zusammen ist man weniger allein

ROMANSHORN. Vor vier Jahren war Gabriel Holten aus St.Gallen noch Single. Er war damals viel allein unterwegs in Cafés, Bars und Restaurants. Aber er war nicht der einzige, dem es so ging: «Mir taten all die Leute leid, die allein an den Tischen sassen», sagt der 51-Jährige.

Katharina Brenner
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Jeden Mittwoch findet im Restaurant Panem in Romanshorn eine Art Stammtisch statt, offen für alle. Rechts im Bild ist Initiant Gabriel Holten. (Bild: Reto Martin)

Jeden Mittwoch findet im Restaurant Panem in Romanshorn eine Art Stammtisch statt, offen für alle. Rechts im Bild ist Initiant Gabriel Holten. (Bild: Reto Martin)

ROMANSHORN. Vor vier Jahren war Gabriel Holten aus St.Gallen noch Single. Er war damals viel allein unterwegs in Cafés, Bars und Restaurants. Aber er war nicht der einzige, dem es so ging: «Mir taten all die Leute leid, die allein an den Tischen sassen», sagt der 51-Jährige. Holten ist ein aufmerksamer Zuhörer, offen und freundlich. Es fällt leicht, sich mit ihm zu unterhalten. Aber wie oft ergeben sich schon Gespräche mit Unbekannten? Die Menschen müssten die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen, dachte Holten. Zusammen mit einem Freund feilte er zwei Jahre lang an einem Konzept.

Jeder ist willkommen

Heraus kam der «Treffpunkt Tisch», eine Art moderner Stammtisch: einmal in der Woche bieten Gastronomen, meist zwischen 17 und 19 Uhr, in mehreren Kantonen «Treffen und Geniessen» an. Jeder ist willkommen – Männer und Frauen, Alte und Junge. Sie sitzen dann um einen grossen Tisch und unterhalten sich, dazu werden Häppchen serviert. Den Tisch erkennen die Gäste an einem Aufsteller aus Holz: Zwei längliche Balken mit einem Querbalken. Darin stecken Broschüren, die das Konzept vorstellen.

Der Aufsteller kündigt aber nicht nur die Treffen an: Jeden Tag steht er auf einem Tisch. Er soll eine Einladung für die Gäste sein, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Aufkleber an der Tür verweist darauf, dass es hier einen «Treffpunkt Tisch» gibt.

Momentan machen zehn Restaurants und Cafés in drei Kantonen mit: eins in Appenzell-Ausserrhoden, sieben in St. Gallen und zwei im Thurgau – das Restaurant Glenseven in Aadorf und das Restaurant Panem in Romanshorn.

Mehr Menschen suchen Nähe

Das «Panem» liegt unweit des Bahnhofs, direkt am See. «Ich bin von der Idee begeistert», sagt der Pächter Moez Ouerfelli. Er sehe viele einsame Menschen in seinem Restaurant. Immer wieder würden sich jetzt an dem Tisch mit dem Aufsteller Leute unterhalten, die sich vorher nicht kannten. Der Wunsch nach Nähe und neuen Kontakten habe in den letzten Jahren stark zugenommen, sagt Ouerfelli. Die Menschen würden mehr arbeiten und immer mehr lebten allein – so auch Patrizia Marini.

Die 49jährige Sachbearbeiterin aus Amriswil hat zwei erwachsene Töchter. Sie kommt zum «Treffpunkt Tisch» in Romanshorn, weil sie sich nach der Arbeit mit jemandem austauschen möchte. «Man weiss nie, wer kommt», sagt Marini. «Und man merkt gleich, ob die Chemie stimmt.» An diesem Mittwochabend im Juli stimmt sie. Drei Frauen und drei Männer sind gekommen. Sie unterhalten sich über ihre Berufe, das Wetter, die Familie, sie stellen Fragen, lachen viel.

Holten möchte das Konzept weiter ausbauen. In Rorschach ist er im Gespräch mit einem Altersheim: Er will eine Verbindung zu einem Restaurant herstellen. Im Welschland plant er den ersten «table de rencontre». Hauptberuflich arbeitet Holten im Bereich Marketing, den «Treffpunkt Tisch» nennt er ein «Hobby mit Herzblut». Dabei ist ein Zitat von Humboldt für ihn zum Leitspruch geworden: «Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.»