Trauerspiel um Raduner-Altlasten

Bei der Altlastensanierung des Raduner-Areals in Horn geht es seit Jahren nicht vorwärts. Schuld sei der Kanton, sagt Reto Peterhans, dem ein Teil des Grundstücks gehört. In Frauenfeld sieht man das anders. Eine schnelle Lösung des Problems ist weiter nicht in Sicht.

Markus Schoch
Drucken
Teilen
Reto Peterhans kämpft seit Jahren für ein einheitliches Sanierungskonzept auf dem Raduner-Areal. (Bild: Reto Martin)

Reto Peterhans kämpft seit Jahren für ein einheitliches Sanierungskonzept auf dem Raduner-Areal. (Bild: Reto Martin)

HORN. Reto Peterhans versteht die Welt nicht mehr. Seit Jahren kämpft er gegen den Kanton Thurgau. Die Gerichte geben ihm immer recht. Und jetzt, ärgert sich der Unternehmer aus Goldach, kommt der Regierungsrat und tut so, als wäre er Teil des Problems. «Es ist bedauerlich und enttäuschend.»

Peterhans meint damit die Antworten des Regierungsrates auf die Fragen von SVP-Kantonsrat Andrea Vonlanthen. Der Arboner Parlamentarier wollte im Juni wissen, wie es auf dem Raduner-Areal in Horn weitergeht, wo die Zeit seit langem stillsteht. Was Peterhans fast zur Verzweiflung treibt. Dass er jetzt auch noch an der Situation mit schuld sein soll, kann er nicht akzeptieren. Damit würden die Verhältnisse komplett auf den Kopf gestellt, ärgert sich der Verwaltungsratspräsident der Reto Peterhans AG mit Sitz in Horn. Die Gleichgültigkeit, die der Regierungsrat gegenüber dem Problem trotz dringendem und ausgewiesenem Handlungsbedarf an den Tag lege, sei unerträglich.

Altlasten blockieren alles

Peterhans führt mit seinem Bruder eine Apparatebaufirma und ist seit 1990 Besitzer des westlichen Teils des Raduner-Areals direkt am See in Horn. Der östliche Teil gehört der Firma Eberhard Bau AG in Kloten. Beiden Eigentümern sind die Hände gebunden. Denn das Betriebsgelände der ehemaligen Textilveredelungsfabrik mit einer Fläche von rund 44 000 Quadratmetern an bester Lage direkt am See kann wegen Altlasten nicht entwickelt werden. Der Boden ist mit chlorierten Kohlenwasserstoffen verseucht. Seit rund 25 Jahren liegen darum Teile des ehemaligen Firmen-Grundbesitzes brach.

Dass es nicht vorwärts geht, hat mit der Firma Raduner zu tun, zuletzt aber auch damit, dass sich Peterhans und der Kanton nicht einig sind, wie das Problem der giftigen Rückstände im Boden angegangen werden soll. Peterhans verlangt ein Projekt, das die gesamte Fläche des Raduner-Areals einbezieht und einheitliche Sanierungskriterien vorschreibt. Das ist ursprünglich auch die Idee des Kantons, der dieses Vorgehen 2006 gegenüber der Firma Raduner sogar ausdrücklich verfügt. Diese wehrt sich dagegen bis vor Bundesgericht – jedoch ohne Erfolg.

Eberhard will Totalsanierung

Zuletzt wäre es den Verantwortlichen in Frauenfeld allerdings viel lieber gewesen, sie könnten die beiden Grundstücke von Peterhans und Eberhard gesondert betrachten – und sie mit Blick auf die Sanierung trennen.

Auslöser des Meinungsumschwungs des Kantons ist die Firma Eberhard, die ihren Teil des Raduner-Grundstücks 2009 erwirbt. Sie wäre bereit, die Altlasten und auch das belastete Material auf ihrer Parzelle ganz auf eigene Rechnung zu beseitigen. Und die Eberhard Bau AG wird die Arbeiten selber ausführen. Genau aus diesem Grund hat sie das Land gekauft. Die Sanierung von kontaminierten Standorten gehört zur Kernkompetenz des Unternehmens, das sich rühmt, zu den europaweit führenden Betrieben in diesem Bereich zu gehören. Die Eberhard Bau AG würde sogar viel mehr tun, als vom Gesetz her nötig wäre. Das vom Kanton beziehungsweise der Gemeinde Horn 2012 bewilligte und von Peterhans bis heute bekämpfte Projekt sieht eine Totalsanierung des Grundstückes vor, das damit aus dem Kataster der belasteten Standorte gestrichen und keinerlei Nutzungsbeschränkung mehr unterliegen würde.

Eine solche Maximallösung sieht der Kanton nicht vor auf dem benachbarten Grundstück von Peterhans, wo aller Voraussicht nach hauptsächlich der Kanton selber, der Bund und die Standortgemeinde für die anfallenden Sanierungskosten aufkommen müssen, da die Firma Raduner als Verursacher der Misere seit diesem Frühling in Konkurs ist. Das entsprechende Verfahren ist Anfang Oktober zuerst mangels Aktiven eingestellt worden, die Liquidation wird jetzt aber doch durchgeführt.

«Das Gesetz verlangt lediglich, dass jene Massnahmen ergriffen werden müssen, welche die akute Gefährdung der Umwelt beseitigen», sagt Marco Sacchetti, der Generalsekretär im Departement für Bau und Umwelt. «Nur dies können die Behörden anordnen und durchsetzen.» Der entscheidende Unterschied zu einer Totalsanierung: Der Standort verbleibt in der Regel im Altlasten-Kataster, woran die Grundstückbesitzer dann keine Freude haben, wenn Bauprojekte damit nicht mehr ohne weiteres möglich sind.

Kanton ändert Strategie

Vor diesem Hintergrund ändert der Kanton 2010 seine ursprüngliche Strategie, die das Bundesgericht noch 2009 bestätigt hat. Statt das ganze ehemalige Betriebsareal als einen Altlastenstandort zu betrachten, will er eine Grenze zwischen den Grundstücken von Peterhans und Eberhard ziehen – und sichert das Eberhard auch vertraglich zu. Das Unternehmen aus Kloten ist nur unter dieser Bedingung bereit, die Sanierungskosten auf seinem Grundstück zu übernehmen. Andernfalls muss voraussichtlich die öffentliche Hand dafür aufkommen.

Der Vertrag enthält noch weitere Auflagen: Das Grundstück muss umgezont werden, so dass auch Wohnbauten zulässig sind. Diese Voraussetzung ist mittlerweile erfüllt. Die Horner haben den Zonenplan entsprechend geändert. Die Parzelle kann jetzt zu 80 Prozent für Wohnen genutzt werden. Weiter fordert die Firma Eberhard einen rechtskräftigen Gestaltungsplan. Dieser liegt noch nicht vor.

Die Abmachung habe man «mit Hinterlist» vor ihm geheim halten wollen, kritisiert Peterhans. Über den Rechtsweg erhält er schliesslich doch Einsicht in die Akten. Der Unternehmer fühlt sich hintergangen – und er wehrt sich vor Gericht gegen den Kurswechsel. Peterhans gibt für verschiedene parallel laufende Prozesse Hunderttausende von Franken für Anwälte, Berater und Planer aus, um sicherzustellen, dass es wie ursprünglich vorgesehen ein Dekontaminierungskonzept über das gesamte Raduner-Areal gibt und die notwendigen Abklärungen getroffen werden.

Mit Erfolg: Das Bundesgericht bestätigt diesen Frühling seine Forderung – und eine entsprechende Empfehlung des Bundesamtes für Umwelt, indem es nicht auf eine Beschwerde von Eberhard eingeht. Damit gilt das Urteil des Verwaltungsgerichtes. Dieses erklärt die Standorttrennung ohne ergänzende Untersuchungen als nicht zulässig, weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass es im Grenzbereich der Parzellen Stellen mit hoher Schadstoffkonzentration gebe – sogenannte Hotspots.

Das Verwaltungsgericht spart auch nicht mit Kritik am Kanton. Dieser habe «offensichtlich ein direktes monetäres Interesse» an der Trennung des Altlastenstandorts.

Dem Kanton geht's ums Geld

Genau das unterstellt auch Peterhans den Verantwortlichen in Frauenfeld: Dass es ihnen immer nur ums Geld gegangen sei. Wäre die Rechnung des Kantons aufgegangen, hätte Frauenfeld für die Sanierung auf dem Grundstück Eberhard gar nichts zahlen müssen und bei ihm auch nur das Allernotwendigste, sagt Peterhans. DBU-Generalsekretär Sacchetti bestreitet den Vorwurf. «Für die Sanierung wird nicht das Kostengünstigste, sondern – selbstverständlich unter Wahrung der Verhältnismässigkeit – das Erforderliche veranlasst.»

Peterhans kann solchen Aussagen keinen Glauben mehr schenken. Er hat das Vertrauen in die Behörden längst verloren. Und nicht erst, seit ihm das Verwaltungsgericht 2013 bestätigt, dass er «mit Recht an der Unabhängigkeit» des zuständigen Departementes gezweifelt hatte.

Die verantwortlichen Stellen hätten ihn massiv unter Druck gesetzt, damit er endlich einlenke, sagt Peterhans. So habe man ihn ultimativ aufgefordert, den Rekurs gegen das Sanierungsprojekt von seinem Nachbarn Eberhard zurückzuziehen, das 2012 öffentlich aufliegt. Andernfalls werde die Sanierung seiner Parzelle «mit Priorität Z» behandelt – also auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Und auch finanziell werde er Nachteile gewärtigen müssen, sollte er sich weiter weigern, den Weg freizumachen, sagt Reto Peterhans.

Das stimme nicht, entgegnet DBU-Generalsekretär Sacchetti. «Es kann keine Rede davon sein, dass irgend jemand unter Druck gesetzt worden wäre.» Es sei so gewesen, dass alle Parteien Ende 2013 beschlossen hätten, mit einer sogenannten Road Map eine einvernehmliche Lösung zu finden – und zwar ausserhalb der üblichen Rechtsverfahren und unabhängig von bereits erfolgten oder noch zu erwartenden Gerichtsentscheiden, ruft er in Erinnerung. Der einzige Druck sei gewesen, eine Einigung zu erzielen.

Alles ist offen

Wie es jetzt weitergeht, ist offen. Peterhans erwartet, dass das Sanierungsprojekt von Eberhard nach dem Bundesgerichtsurteil im April vom Tisch ist. Anderer Meinung ist Heinrich Eberhard, der CEO der Eberhard Unternehmungen mit Sitz in Kloten. «Ich bin sicher, dass es so geht, wie wir es vorhaben.» Ein einheitliches Sanierungskonzept sei gar nicht möglich. «Wir wollen alle Gebäude abreissen, auf dem Nachbargrundstück sollen sie stehen bleiben.» Es gehe um zwei «grundverschiedene Probleme», die aber technisch lösbar seien. «Wir haben schon ganz anderes gemacht», sagt Eberhard. Klar sei, dass es endlich vorwärts gehen müsse. «Entweder wir haben eine Umweltgefährdung, oder wir haben keine.»

Dieser Meinung ist auch Peterhans. Nur kann er nicht verstehen, warum das Problem mit den chlorierten Kohlenwasserstoffen bei ihm anders angegangen werden soll als bei Eberhard. Schliesslich habe der Kanton das vorgesehene Vorgehen seines Nachbarn für gut befunden. «Weshalb soll man es bei mir anders machen?», fragt sich Peterhans. Dass er gewisse Gebäude wird abreissen müssen, sei ihm bewusst, widerspricht er Eberhard.

Beim Kanton lässt man sich nicht in die Karten blicken. Es sei nun Sache des Amtes für Umwelt, die Verfahren neu zu starten», sagt Sacchetti. «Dazu können – auch zur Wahrung des Amtsgeheimnisses – keine Angaben gemacht werden.»

Die ehemaligen Fabrikhallen zerfallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Die ehemaligen Fabrikhallen zerfallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Guckt erschreckt: Graffiti auf dem Raduner-Areal. (Bilder: Urs Bucher)

Guckt erschreckt: Graffiti auf dem Raduner-Areal. (Bilder: Urs Bucher)

Aktuelle Nachrichten