Tragödie liess sie nicht schlafen

Steckborn rückt nach dem Grossbrand eng zusammen. Alle, die Zeit erübrigen können, helfen. «Aufgeben wollen wir nicht», sagt Matthias Brunnschweiler, der seine Drogerie und sein Haus beim Brand verloren hat.

Gudrun Enders
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Alice Marolf Sanität Feuerwehr Steckborn (Bild: pd)

Alice Marolf Sanität Feuerwehr Steckborn (Bild: pd)

STECKBORN. Ein kleiner Junge hat sein Spielzeug gespendet. Er hat es Alice Marolf aus Steckborn anvertraut. Sie sollte es seiner Schulkameradin bringen, die beim Grossbrand in Steckborn ihr Zuhause verloren hat. «So viel Solidarität geht mir ans Herz», sagt Marolf, die 20 Stunden ununterbrochen im Einsatz stand. Gestern aber sass sie schon wieder in der Bernina an ihrem Arbeitsplatz. Marolf ist Steckbornerin und kennt fast alle Betroffenen, die in der Nacht auf Montag ihr Hab und Gut verloren haben. Sie ist Mitglied des Sanitätszugs der Steckborner Feuerwehr und hat diese Menschen betreut: «Die waren alle erschlagen, geschockt und sehr ruhig.» Zwei Väter, mit denen sie gestern gesprochen hatte, konnten nicht schlafen. Erst nach dem Schock setze die Erkenntnis ein, dass alles verloren ist. So ergeht es zurzeit den 33 Menschen in Steckborn – Pärchen, Familien mit Kindern zwischen zwei und 16 Jahren sowie Alleinstehende.

Einer von ihnen ist Drogist Matthias Brunnschweiler, ehemaliger Stadtrat und ehemaliger Präsident des Steckborner Gewerbeverbandes HGT. «Es geht mir den Umständen entsprechend gut», sagt er. Er hat seine Drogerie verloren. Bei seinem Haus sollte gestern nach dem Dachstock auch noch das zweite Geschoss abgebrochen werden. Immerhin blieb das Labor verschont, das ein wenig entfernt in der Kirchgasse 16 beheimatet ist. Mit Freunden macht Matthias Brunnschweiler sich schon Gedanken über die Zukunft: «Aufgeben wollen wir nicht.» Denn seine Tochter würde die Drogerie übernehmen, sollte sie auch nach dem Brand noch gut dastehen. Auch Weihnachten will Familie Brunnschweiler feiern, die Kinder springen ein und richten nun die beiden anberaumten Familienfeiern aus.

Den Ernstfall vielfach geübt

Reto Fischer ist seit 1999 Feuerwehrkommandant. Seit 16 Jahren übt er mindestens ein Mal im Jahr das Horrorszenario Altstadtbrand. Nun wurde der Horror Wirklichkeit: «Wenn wir das nicht ständig geübt hätten, hätten wir keine Chance gehabt.» Die Häuser hängen zusammen, sind verschachtelt ineinander gebaut. Auch das Glück kam den Feuerwehrleuten zu Hilfe. Kein Wind fachte das Feuer zusätzlich an. Bei Föhn würde die Kirchgasse heute ausradiert sein, ebenso die Häuserzeile der Seestrasse, da ist sich Reto Fischer sicher. Bewusst, was der Brand wirklich bedeute, werde den Feuerwehrmännern erst später: «Wir arbeiten automatisch.» Das tat Kommandant Fischer wie seine Männer 20 Stunden am Stück, bis sie von den Steiner Kollegen abgelöst wurden.

Auch seine Frau Marianne hat kein Auge zugetan. Denn nicht nur der Gatte stand im Einsatz, auch ihre beiden Söhne rückten zum Löschen aus. Der jüngste ist 19 Jahre alt und musste sich Montagnacht das erste Mal bei einem Ernstfall bewähren. Beide Söhne sind beim Atemschutz und als eine der ersten in die Gebäude gegangen. «Da schläft man als Mutter nicht», sagt Marianne Fischer. «Das wird ein Weihnachten, das man gerne wieder vergisst.»

Tragisch für Steckborn

Architektin Cornelia Bein hat erst vor wenigen Jahren ein Haus an der Kirchgasse gekauft und restauriert. Sie sitzt in der Stiftung Ortsbild und sieht den Schaden auch für das national bedeutende Ortsbild von Steckborn. «Das ist absolut tragisch für alle. Das wird Jahrzehnte dauern, bis das verdaut ist.» Auch die Arbeitsgruppe, die sich Gedanken zur Belebung der Altstadt machen wollte, sollte in vier Wochen ihre Arbeit aufnehmen. Die Tochter Brunnschweilers wurde unter anderem in das Gremium gewählt. Bein selbst wurde nicht evakuiert, hat aber in der Nacht den Brand hautnah miterlebt: «Es ging unglaublich ruhig und professionell zu.» In der Kirchgasse und in der Seestrasse brummen und vibrieren aber seit Montagnacht ununterbrochen die Wasserpumpen in den Tanklöschfahrzeugen. Sogar in der Nacht auf Dienstag brachen immer wieder Feuer aus. Es wurde pausenlos gelöscht.

Die meisten Steckborner erfuhren aber vom Unglück am frühen Morgen durch die Medien. Ein wenig anders erging es Pfarrer Andreas Gäumann, der am Ende der Kirchgasse hinter der Kirche wohnt. Er hat den Grossbrand erst am Morgen gegen sieben Uhr bemerkt, als er die Zeitung aus dem Briefkasten holte. Ab zehn Uhr ging der Seelsorger ins «Schloss», wo das Care Team im Einsatz stand. «Das läuft alles in sehr professionellen Bahnen», sagt Gäumann. Er steht als Seelsorger zur Verfügung, doch die Betroffenen hätten erst einmal grundlegende materielle Probleme zu lösen.

Reto Fischer Feuerwehrkommandant (Bild: Gudrun Enders)

Reto Fischer Feuerwehrkommandant (Bild: Gudrun Enders)

Matthias Brunnschweiler Betroffener, Drogist (Archivbild: Reto Martin)

Matthias Brunnschweiler Betroffener, Drogist (Archivbild: Reto Martin)

Marianne Fischer Gatte & Söhne bei der Feuerwehr (Bild: Gudrun Enders)

Marianne Fischer Gatte & Söhne bei der Feuerwehr (Bild: Gudrun Enders)

Andreas Gäumann evangelischer Pfarrer (Bild: Gudrun Enders)

Andreas Gäumann evangelischer Pfarrer (Bild: Gudrun Enders)

Cornelia Bein Architektin (Archivbild: Gudrun Enders)

Cornelia Bein Architektin (Archivbild: Gudrun Enders)

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