TOURISMUS: «Der Kanton irrt sich»

Im Thurgau soll es weiterhin kein Tourismusgesetz geben. Hermann Hess, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt, hält das für falsch und fordert, über die Bücher zu gehen. Die Bedeutung des Tourismus werde unterschätzt.

Christian Kamm
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Schifffahrt-Unternehmer Hermann Hess sieht Wachstumschancen im Tourismus. (Bild: PD)

Schifffahrt-Unternehmer Hermann Hess sieht Wachstumschancen im Tourismus. (Bild: PD)

Herr Hess, im Kanton Thurgau fehlt ein Tourismusgesetz. Ein Manko?

Eindeutig ja. Ich war schon immer der Meinung, dass der Grosse Rat das Problem nicht verstanden hat. Aus meiner Sicht als Unternehmer, der auch etwas im Tourismus tätig ist, geht es bei einem solchen Gesetz nicht primär um finanzielle Unterstützung durch den Kanton. Im Zentrum steht die Schaffung einer Rechtsgrundlage für die Gemeinden, damit diese eine Kurtaxe oder Tourismusabgabe einführen können.

Wozu?

Mit der Kurtaxe nimmt man in einer Gemeinde Geld ein, zum Beispiel von den Hotelleriegästen, und fördert damit die Entwicklung des Tourismus vor Ort. Die Gemeinde bestimmt selber.

2010 unternahm der Kanton einen Anlauf für ein Tourismusgesetz und ist kläglich gescheitert. Das wirkt immer noch nach.

Damals redeten viele Leute mit, die von der Tourismusbranche nicht viel Ahnung hatten. Sie hatten das Gefühl, man wolle hier eine staatliche Aktivität aufziehen. Und es ist ihnen wohl sauer aufgestossen, dass das Budget der kantonalen Vermarktungsorganisation Thurgau Tourismus aufgestockt werden sollte.

Der zuständige Regierungsrat Walter Schönholzer hält nichts von einem neuen Anlauf für ein Tourismusgesetz zum jetzigen Zeitpunkt.

Es wäre kein Fehler, nochmals zu überlegen, ob man nicht ein schlankes Gesetz schaffen will, das den Gemeinden die Rechtsgrundlage für die Erhebung einer Kurtaxe gibt. Sie können dann selber so verfahren, wie sie es für richtig halten. Es geht mir nicht um Steuergelder, die der Kanton einziehen würde.

Ist die Angelegenheit vor sieben Jahren falsch angegangen worden?

Ich war damals nicht dabei. Ich weiss nur: Wenn Sie in der Schweiz Ferien machen, dann zahlen Sie in den meisten Orten eine Kurtaxe, auch in den Städten. Falls der Kanton Thurgau meint, er brauche das nicht, dann irrt er sich. Denn für aktive und kreative Gemeinden wäre das eine interessante Möglichkeit, um im Tourismusbereich etwas bewegen zu können.

Was müsste sonst noch in einem solchen Tourismusgesetz stehen?

Das ist Sache des Grossen Rates. Man könnte sich überlegen, ob man jene Gemeinden unterstützen will, welche selber etwas machen, wie bei der Kultur. Aber nochmals: Es geht mir nicht darum, die Staatsausgaben zu erhöhen. Mir geht es um Flexibilisierung und Dynamisierung, damit die interessierten Gemeinden aktiv werden können. Ohne Rechtsgrundlage geht das aber nicht.

Damit ist doch wieder der Staat im Spiel.

Er schafft nur die Spielregeln. Es gibt auch keinen Zwang, denn entscheiden würde die einzelne Gemeinde nach Absprache mit den Tourismusunternehmen vor Ort und allenfalls mit anderen Gemeinden. Und natürlich mit der Genehmigung durch die Stimmberechtigten. Das funktioniert, wie sich in andern Kantonen gezeigt hat. Es ist keine Hexerei und keine Planwirtschaft.

Der Thurgau ist kein klassischer Tourismuskanton. Gibt es eine genügende Zahl von qualifizierten Gesprächspartnern für ihre Anliegen?

Es gibt nur wenige. Im Thurgau hat man immer noch das Gefühl, dass der Tourismus kein seriöser Wirtschaftszweig sei. Man findet hier Metallindustrie oder Apparatebau toll, weil man das kennt. Umgekehrt ist sich kaum jemand bewusst, welche Bedeutung der Tourismus als Branche in unserem Land hat: Nämlich dass hier von Privaten viel investiert wird, dass Leute ausgebildet werden, dass es Karrieremöglichkeiten gibt. Und dass der Tourismus die Attraktivität einer Region steigert.

Auf der deutschen Seite des Bodensees floriert der Tourismus. Im Thurgau wird er immer noch stiefmütterlich behandelt. Haben Sie eine Erklärung?

Die Zahl der Übernachtungen ist am deutschen Ufer etwa sechsmal so gross. Wirtschaftlich betrachtet rührt der Unterschied daher, dass man in Deutschland in diesen Bereich investiert hat, und zwar seit Jahrzehnten. Das deutsche Bodenseeufer hat ein riesiges Hinterland, und ein wohlhabendes dazu. Allerdings ist die deutsche Seite heute fast etwas überlaufen, und das ist auch nicht jedermanns Sache. Es wäre eine Chance für uns, wenn wir sanfter vorgehen.

Wo hat der Thurgau Nachholbedarf?

Es fehlen vor allem Hotels. Das predige ich schon lange und habe erst jetzt allmählich das Gefühl, dass mich der Kanton auch versteht. Denn die Grundlage für einen Tourismus, der über den Tagestouristen hinausgeht, bildet nun einmal die Hotellerie. Leute, die übernachten, bringen auch Zusatzumsätze in der Gastronomie und im Detailhandel. Das haben Spezialisten der Uni St. Gallen untersucht.

Stichwort Hotel: Sie wollen in Romanshorn mit gutem Beispiel vorangehen. Trauen Sie dem Standort?

Unser Ufer ist nicht weniger schön als das deutsche, und es gibt insgesamt auch nicht weniger Sehenswürdigkeiten. Vielleicht geht es in Romanshorn bald einen Schritt weiter. Die Diskussion dauert schon seit Jahren an und ist überaus kompliziert. Insbesondere vielleicht deshalb, weil man eher die Probleme als die Chancen sieht.

Für Sie ist der Tourismus ein Wachstumsmarkt?

Der Anteil der Tourismusbranche am Thurgauer Bruttoinlandprodukt (BIP) liegt bei 2,5 Prozent. Die stärksten Tourismuskantone kommen auf mehr als 10 Prozent, im Schweizer Durchschnitt sind es 5,5 Prozent. Die Branche beschäftigt im Thurgau rund 3500 Personen und setzt zirka 400 Millionen Franken um. Wenn es uns gelänge, den BIP-Anteil zum Beispiel auf 3,75 Prozent zu steigern, so würde das die Schaffung von zusätzlichen 1800 Arbeitsplätzen im Kanton bedeuten – ohne Subventionen. Dieser Zusammenhang ist den Politikern nicht klar. Vor allem jenen, die gegen ein Tourismusgesetz sind oder waren.