Tolle Kindheit unter Straftätern

TZ-Sommerserie Geschwister: Grossratspräsident Max Arnold und seine Schwester Erna Claus-Arnold. Als Kinder spielten sie oft mit Insassen der Strafanstalt Tobel – später zogen beide in den Grossen Rat.

Samuel Koch
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Grossratspräsident Max Arnold und seine jüngere Schwester Erna Claus-Arnold. (Bild: Donato Caspari)

Grossratspräsident Max Arnold und seine jüngere Schwester Erna Claus-Arnold. (Bild: Donato Caspari)

«Wir jüngeren Geschwister haben immer zu dir aufgeschaut», sagt die 64jährige Erna Claus-Arnold zu ihrem Bruder Max, dem derzeit höchsten Thurgauer. Der 68-Jährige sei ihnen immer ein grosses Vorbild gewesen. Max Arnold war das älteste von vier Kindern, sorgte sich früher auch um seine jüngeren Geschwister und übernahm Verantwortung.

Erna Claus-Arnold: Einmal war ich als 15-Jährige an der Wega und es war bereits 21 Uhr. Du sahst mich beim Fonduekeller und sagtest mir mit bestimmtem Ton, dass es jetzt höchste Zeit sei, nach Hause zu gehen.

Max Arnold: Ältester zu sein war aber auch nicht nur lustig. Ich musste oft den Weg pfaden.

Die Familienbande Arnold

Seit 1983 lebt Max Arnold zusammen mit seiner Frau Margrit in Warth-Weiningen. Hier war er über 30 Jahre in der Gemeinde tätig. Nebenbei baute er das BHA-Team Frauenfeld auf und politisierte für die SVP. Trotz der Mehrfachbelastung und eines Herzinfarkts im Alter von 39 Jahren blieb er seinen Aufgaben treu und «hirnte ständig» weiter.

Seine Schwester Erna liess sich zur Kindergärtnerin ausbilden und heiratete. Nach längeren Aufenthalten in Amerika und Holland kehrte sie zurück nach Bottighofen und wuchs nebenamtlich in die Politik hinein. Heute ist Erna Claus-Arnold pensioniert. Ihr Bruder ebenfalls, doch er präsidiert den Grossen Rat des Kantons Thurgau noch bis Frühling 2016, ehe er definitiv kürzertreten werde.

Max: Ich habe mein Pensum stetig verringert. Trotzdem zieht es mich täglich um 7 Uhr ins Büro. Schön ist, dass ich schon um 9 Uhr wieder heimgehen kann. Im Sommer sind wir oft am See oder geniessen es zu Hause.

Erna: Mein Alltag ist heute ebenfalls locker. Ich lebe spontan und geniesse die Zeit in Pension mit meinem Mann.

Die Familie Arnold gilt als Familienbande. Max hat vier Kinder, Erna drei und die jüngste Schwester Käthi vier. Alle sind aber bereits seit längerem flügge und Max Arnold sogar schon fünffacher Grossvater.

Max: Eine Familie ist etwas sehr Tolles. Unser Kontakt ist schon sehr eng, und auch die Kinder und Kindeskinder sind gerne zusammen.

Erna: Ja, und das war bereits früher so. Unsere Kinder erzählen noch heute häufig von gemeinsamen Erinnerungen, als sie an Weihnachten das Krippenspiel vorgeführt haben oder als sie mit dem Leiterwagen in die Kiesgrube gefahren sind.

Max: Einzig unser Bruder Urs ist da ein wenig aus der Reihe getanzt. Er lebt im Tessin und war geschäftlich oft unterwegs. Zu ihm pflegen wir deutlich weniger Kontakt, obwohl wir ihn auch schon besucht haben.

Im halben Kanton zu Hause

Bereits früher waren die Arnolds viel unterwegs, da Vater Max jahrelang als Polizist arbeitete und später Statthalter in Weinfelden wurde. Klein Max wurde in Hagenwil geboren und wuchs an fünf verschiedenen Orten im Thurgau auf. Herdern, Bürglen, Romanshorn, Tobel und Märstetten waren die Stationen, wobei Tobel die grösste Bedeutung zukam.

Max: An Tobel habe ich aber die meisten Erinnerungen.

Erna: Das war eine spannende Zeit, und wir unternahmen viel innerhalb der Familie. Und weil unser Vater als Polizist sein Büro zu Hause hatte, war er fast immer um uns.

Max: Das stimmt. Das haben wir hautnah miterlebt. Wir durften morgens und abends den Polizeifunk mithören oder hörten direkt von Fahndungen oder Grossalarmen. Zudem war die damalige Strafanstalt in Tobel etwas Spezielles.

Erna: Stimmt. Am Sonntagnachmittag durften wir in der Anstalt die Sendung «Fury» anschauen, weil wir zu Hause keinen Fernseher hatten. Oder wir besuchten Muff, der im Sauenstall bei der Arbeit war.

Max: Unglaublich. So etwas wäre heute unmöglich. Muff war ein Mörder und arbeitete in der Strafanstalt Tobel. Manchmal spielten wir mit ihm Fussball. Manchmal fragten wir ihn, was er «bosget» hatte.

Erna: Weisst du noch, was er uns jeweils sagte?

Max: «Chindli gfresse» ohne Senf. Der Umgang mit ihm oder anderen Insassen war aber wie normal für uns und auch für andere Kinder in Tobel. Natürlich hatten wir Respekt und auch ein wenig Angst, aber vielleicht war das genau der Reiz.

Toleranz, Ordnung und Disziplin

Die Arnolds hat diese Erfahrung nachhaltig geprägt. Ihre Eltern erzogen die Kinder zwar tolerant, aber auch zur Ordnung und Disziplin. Obwohl der Vater zeitweise nicht viel verdiente, unternahmen die Eltern viel mit ihnen und so wurden sie zu einem «richtigen Päckli». Manchmal verreisten sie sogar in die Ferien ins Tessin oder ins Welschland.

Erna: Vater fuhr einen VW-Käfer. Wir sassen hinten und Mutter sass vorne mit unserem Hund auf dem Beifahrersitz.

Max: Unsere Eltern haben uns sehr viel gezeigt. Sie lehrten uns viel. Diese Eindrücke blieben bis heute haften.

Ebenfalls in Erinnerung bleibt die gemeinsame politische Vergangenheit. Während Max Arnold 2004 für die SVP in den Grossen Rat gewählt wurde, engagierte sich auch Erna politisch und wurde auch 2004 in den Grossen Rat gewählt, aber für die FDP.

Max: Das war reiner Zufall, zumal wir nicht in der gleichen Partei engagiert waren.

Erna: Aber wir waren von der Denkweise her auch nie wirklich weit voneinander entfernt.

Während sich der ältere Bruder vor allem in Bereichen Raumplanung und Umwelt auskennt, betreute seine Schwester gesellschaftliche Themen wie Bildung oder setzte sich für Familienthemen ein.

Erna: Es gab bei uns immer spannende Diskussionen, und wir konnten stets von Max' Erfahrung profitieren.

Max: Wir sind uns nie aus dem Weg gegangen, obwohl wir nicht immer dieselbe Meinung teilten.

Auch während ihrer beruflichen und politischen Laufbahn wurde es den Arnolds nie langweilig. Max betrieb Sport und machte Karriere im Militär. Erna folgte ihrer Passion Schauspiel und trat mehrere Male an der Zentrumsbühne in Bottighofen auf.

Erna: Denkst Du manchmal auch daran, wie in unseren Leben immer alles perfekt aufgegangen ist?

Max: Ja. Aber dafür benötigt es auch eine gewisse Struktur im Leben sowie Ordnung und Disziplin.

Max Arnold (stehend) mit seinen Geschwistern Urs und Erna 1956. (Bild: pd)

Max Arnold (stehend) mit seinen Geschwistern Urs und Erna 1956. (Bild: pd)