Tödliche Ablenkung

Telefonieren oder das Navigationssystem während der Fahrt bedienen: Die Polizei warnt davor mit einer sechswöchigen Kampagne «Abgelenkt – und der Tod fährt mit».

Szilvia Früh
Merken
Drucken
Teilen

Winterthur/Frauenfeld. In einem Fahrzeug hat es neben Fahrer und Beifahrer noch Platz übrig: nämlich für den Sensenmann, der in der neusten Verkehrssicherheitskampagne «Abgelenkt – und der Tod fährt mit» auf dem hinteren Sitz des Fahrzeugs Platz nimmt. Sie wurde von den Ostschweizer, Zürcher und Winterthurer Polizeikorps lanciert und an einer Medienkonferenz gestern vorgestellt.

1425 Unfälle

2009 ereigneten sich im Kanton Thurgau 1425 Unfälle. Fritz Hefti, Chef der Thurgauer Verkehrspolizei, schätzt, dass ein Fünftel davon auf eine Ablenkung am Steuerrad zurückzuführen ist. Die Polizei will mit der neuen Kampagne alle Fahrzeuglenker davon abhalten, während der Fahrt zu telefonieren, SMS zu schreiben oder das Navigationssystem zu bedienen.

Denn all diese Beschäftigungen – im übrigen auch essen, trinken, nach einer CD oder Zigarette suchen – bergen eine grosse Gefahr nicht nur für sich selber, sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer.

Die Kampagne startete gestern und wird für die Bevölkerung im Kanton Thurgau, Zürich, Winterthur, Appenzell, Graubünden, Glarus, Chur sowie Schaffhausen sicht- und hörbar sein. Neben den Plakaten wurde unter anderem eine Web-Seite (www.lenken-statt-ablenken.ch) eingerichtet. Und noch mehr: «Lassen Sie es lieber klingeln; Ihre Polizei». So wird es in den nächsten Wochen im Rahmen der Kampagne in Radiospots tönen. «Wir verzichten bewusst auf Fernsehwerbung», sagt Hefti. Schliesslich sollen Fahrzeuglenker nicht zu Hause auf dem Sofa, sondern im Strassenverkehr angesprochen werden. Dort muss die Bevölkerung in nächster Zeit mit verstärkten Polizeikontrollen rechnen.

Das Budget für die Kampagne beträgt für alle Beteiligten 170 000 Franken. Wie viel sie bewirken wird, ist allerdings schwer messbar.

Telefonieren weit verbreitet

Gründe für die Kampagne gibt es jedoch genug: Internationale Studien beweisen, dass Telefonieren am Lenkrad noch immer ein verbreitetes Phänomen ist. «Dieses Verhalten kann keiner spezifischen Gruppe zugeordnet werden.

Doch wer auch sonst viel telefoniert, der wird es auch im Auto nicht unterlassen», sagte Markus Hackenfort, Professor an der Universität Zürich, an der Pressekonferenz.

Gefährliche SMS

SMS eintippen während der Fahrt ist besonders gefährlich. Der Fahrer ist körperlich sowie gedanklich abgelenkt, weshalb nur noch trainierte Handlungsabläufe abgerufen werden. Es entsteht ein Tunnelblick, die Konzentration bleibt auf der Strecke, Unfälle sind programmiert.

Doch man braucht keinen Unfall zu verursachen, um die rechtlichen Folgen zu verantworten. Wer der Polizei wegen Ablenkung auffällt, auch wenn noch nichts passiert ist, muss mit Sanktionen rechnen.

Diese können von einer Geldstrafe (maximal 10 000 Franken) über den Entzug des Führerausweises auch bis hin zu einer Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren reichen.