Tod eines bunten Vogels

Ende November wurde ein 53jähriger IV-Rentner in seinem Haus in Löwenhaus tot aufgefunden. Er ist geknebelt worden. Bis heute kann sich niemand einen Reim auf diese Gewalttat machen. Eine Spurensuche. Von Ida Sandl & Donato Caspari (Fotos)

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Kümmertshausen. An einen Raubmord glaubt in Löwenhaus niemand. «Der hatte ja selber nichts», sagt eine Frau. Seit man sich im Dorf erinnern kann, lebte der 53-Jährige von der IV.

Löwenhaus bei Kümmertshausen hat 24 Einwohner, jeder kennt hier jeden. Es gibt ein Ober- und ein Unterdorf. Unter-Löwenhaus gehört zur Gemeinde Erlen, Ober-Löwenhaus zu Langrickenbach. Das Opfer wohnte in Ober-Löwenhaus. In einem geduckten Riegelhaus, weltabgewandt in einem weltabgewandten Dorf.

Deshalb hat auch niemand bemerkt, was am 20. November letzten Jahres passiert ist. Manche haben sogar erst aus der Zeitung erfahren, dass ein paar Häuser weiter ein Toter gefunden worden ist. Er sei geknebelt worden, daran sei er gestorben, hat das Institut für Rechtsmedizin in St. Gallen inzwischen festgestellt. Gerüchte machen die Runde, etwa dass er auch an den Füssen gefesselt war.

Vielleicht war es ein Räuber

Seit diesem Tod sperren die Löwenhauser nachts ihre Türen zu. Weil sein könnte, dass es doch ein Räuber war und er nur das falsche Haus erwischt hat. «Man macht sich so seine Gedanken», sagt ein Mann. Über das Mordopfer und seinen Tod reden die Menschen natürlich schon, aber nicht gerne mit Fremden, mit Namen in der Zeitung stehen wollen sie schon gar nicht. Nachdem das Verbrechen bekannt wurde, fielen Journalisten wie Heuschrecken im Ort ein. Das habe ihnen gereicht.

Inzwischen geht in Löwenhaus das Leben fast wieder seinen gewohnten Gang. Nur ein rot-weisses Absperrband und das amtliche Polizeisiegel über dem Türschloss zum Riegelhaus erinnern noch an das Verbrechen.

Windspiele in den Bäumen

Über dem verschlossenen Riegelhaus liegt heute eine unwirkliche Stille. An die Türe hat jemand mit Reissnägeln ein Foto des Toten geheftet, vor dem Eingang stehen Blumen und Kerzen. Der Hof ist voll wie eine Brockenstube, zwei Autos, zwei Wohnwagen, ausgediente Möbel, Abfallsäcke.

Dazwischen der Versuch einer Dekoration: metallene Windspiele, die im Baum hängen, alte hölzerne Wagenräder nebeneinander aufgereiht.

18 Jahre hat der IV-Rentner in Löwenhaus gewohnt, richtig dazugehört hat er aber nie. «Er war ein Eigenbrötler», sagt die eine Nachbarin. Die andere nennt ihn einen «Lebenskünstler». «Künstler», das steht auch als Berufsbezeichnung im Telefonbuch. Ein bunter Vogel sei er gewesen. Man kannte ihn mit einem handglismeten Käppi auf dem Kopf und seinen etwas zottelig grauen Haaren.

Älter als er tatsächlich war, habe er ausgesehen. Er war krank. Vom Rheumaleiden Morbus Bechterew ist die Rede, das die Gelenke versteift, aber genaueres weiss niemand. «Er hatte Probleme mit den Knien», sagt eine Frau. Die letzten Monate ging er am Stock. Vielleicht habe er auch deshalb getrunken.

Über die Todesnacht lässt sich die Polizei wenig entlocken.

Tappt auch sie im dunkeln? «Keine Details», winkt Pressesprecher Christoph Greminger ab: «Die Ermittlungen laufen noch.» Nachbarn und Bekannte seien befragt worden, etwa ein Dutzend Hinweise habe man gehabt und überprüft. Verhaftet wurde offenbar niemand.

«Ein Bekannter», der das Opfer an jenem Samstag im November spätabends besuchen wollte, entdeckte die Leiche, heisst es im Polizeiprotokoll. Dieser Bekannte habe dem Opfer gelegentlich im Garten geholfen, sagt Greminger.

Das deckt sich teilweise mit den Gerüchten, die im Dorf kursieren. Demnach haben zwei Jugendliche aus der Region den Toten gefunden. Die Buben sollen für ihn gelegentlich Rasen gemäht oder Besorgungen gemacht haben. Er habe sich dafür mit selber angebautem Haschisch revanchiert, heisst es. Ums Haus seien immer ein paar Marihuana-Pflanzen gestanden, sagt eine Nachbarin.

Den Halt verloren

Der Tote sei kein einfacher Mensch gewesen, heisst es, intelligent, manchmal aber auch stur, dann wieder überraschend einfühlsam. Kindern, die für einen guten Zweck gesammelt hätten, habe er immer grosszügig Geld gespendet. Vielleicht weil er selber gerne Kinder gehabt hätte. Im Sommer sei es vor seinem Haus zugegangen wie in einer Besenbeiz, hat man im Dorf beobachtet. Leute kamen und gingen, kurlige Typen seien darunter gewesen in bunt zusammengewürfelten Klamotten.

«Das war seine Familie», meint eine Frau.

Vor einigen Jahren sei die Ehefrau ausgezogen. Sie habe sich zwar weiterhin um ihn gekümmert, aber von da an sei es mit ihm bergab gegangen. «Es war, als hätte er seinen Halt verloren», sagt eine Dorfbewohnerin. Er habe mehr getrunken und weniger auf sich geachtet. Letzten Frühling habe ihm die Polizei dann den Führerausweis weggenommen, weil er betrunken am Steuer sass. Im Ort hat man sich darüber gewundert, dass dies nicht schon früher passiert ist.

Denn er sei oft in Beizen unterwegs gewesen. Nicht immer zur Freude der Wirte. Kitt, der Wirt vom «Pöschtli» in Langrickenbach, ist ein stämmiger Mann mit langen Haaren. Kitt sagt über den Toten: «Er konnte die Leute innerhalb kürzester Zeit in Rage bringen.» Als er es im «Pöschtli» wieder einmal übertrieben hatte, wollte ihn Kitt rauswerfen. Er habe sich aber störrisch auf den Boden gesetzt. Da habe ihn Kitt am Gürtel gepackt und auf die Strasse getragen. Von da an sei er nie wieder im «Pöschtli» erschienen.

Es gab aber auch schöne Erlebnisse. Bei Konzerten sei er regelmässig mit seiner Mundharmonika aufgetaucht, um die Bands zu begleiten. Er habe gut gespielt und die Auftritte sichtlich genossen. Mitunter habe er gar nicht mehr aufhören können, so dass man ihn fast von der Bühne habe zerren müssen.

«Er fehlt uns»

Vor dem Bauernhaus steht, mit einer blauen Plastikplane zugedeckt, ein altes Klavier. Ab und zu hat der IV-Rentner darauf gespielt oder auf der Gitarre.

Manchmal habe er die Musikanlage voll aufgedreht, auch mitten in der Nacht und habe dazu in der Stube getanzt. So lange, bis es irgendjemandem zu dumm wurde und der sich darüber beschwerte. Damals haben sich die Nachbarn darüber geärgert, jetzt erzählen sie es mit einem fast schon liebevollen Unterton.

Seit dem gewaltsamen Tod eines Bewohners ist es in Löwenhaus noch ruhiger geworden. «Er fehlt uns», sagte eine Nachbarin. Sie möchte nicht schlecht über den Getöteten reden.

Vielleicht wäre sein Leben ohne die Krankheit ganz anders verlaufen. Er habe nie jemandem etwas zuleide getan. Sie sagt, was alle denken: «Diesen Tod hat er nicht verdient.» Niemand hat das verdient.