TIERMEDIZIN: Gegoogelte Sorgen

Kleintierhalter bringen ihre Lieblinge mittlerweile wegen Bagatellen zum Arzt. Die Gründe dafür sind ein höherer sozialer Stellenwert der Haustiere und das Internet. Damit haben die Thurgauer Tierärzte immer wieder zu kämpfen.

Viola Stäheli
Drucken
Teilen
Tierarztpraxis in Frauenfeld: Diese beiden Hunde sehen nicht nur gesund aus, sondern sie sind es auch.Bild: Andrea Stalder (Bild: Andrea Stalder)

Tierarztpraxis in Frauenfeld: Diese beiden Hunde sehen nicht nur gesund aus, sondern sie sind es auch.Bild: Andrea Stalder (Bild: Andrea Stalder)

«Sie hat ein Loch im Ohr.» Die Frau sieht besorgt auf ihre Katze. Diese sitzt auf dem Untersuchungstisch der Tierarztpraxis im «Hölzli» in Amriswil und fühlt sich gar nicht wohl. Zum Glück muss sie nicht lange ausharren, denn mit ihrem Ohr ist alles in Ordnung. Das kleine Loch entpuppt sich als normale Öffnung.

Dieser Fall zeigt: Tierhalter gehen heute viel schneller zum Tierarzt, weil sie um ihr Haustier besorgt sind. Die Ursachen sind nicht eindeutig. Selina Fehr vermutet aber, dass das Internet einen wesentlichen Teil beiträgt. Fehr ist seit mehr als sieben Jahren tiermedizinische Praxisassistentin und arbeitet in der Tierarztpraxis «Hölzli». Aus der Mücke einen Elefanten machen – das Internet bietet dafür die ideale Grundlage.

Damit hat auch die Tierärztin Tajana Kristovic ihre Erfahrungen gemacht. Sie arbeitet bei «Meikovet» in Frauenfeld. «Im Internet kursieren auch Fehlinformationen, daher sollte mit Vorsicht vorgegangen werden», sagt sie.

Internetrecherchen sind aber nicht per se schlecht: Tina Rieser, Tierärztin der Tierarztpraxis Lindenacker in Eschlikon, ist froh um die gestiegene Sensibilität. «Klar gibt es Fälle, in denen die Besitzer vehement auf ihre Internetdiagnose pochen», sagt sie. Im Zweifelsfall sollte besser direkt in die Praxis angerufen werden, statt sich auf dubiose Informationen aus dem Internet zu stützen.

In einem Punkt sind sich die Thurgauer Tierärzte einig: Besser wird der Liebling einmal zu viel in die Praxis gebracht als einmal zu wenig. So können im besten Fall schwere Krankheiten in einem frühen Stadium entdeckt und richtig behandelt werden.

«Ich habe auch schon erlebt, dass eine Besitzerin ihre Katze brachte, weil sie den Verdacht auf einen Tumor hatte», erzählt Rieser. Die Katze hatte einen Knoten an der Seite. Dieser stellte sich aber lediglich als Filzknäuel heraus. Der Tierärztin sind solche Überraschungen aber lieber als das Gegenteil.

Manche Tierhalter sind zu sehr besorgt
Donat Inauen fügt nebst dem Internet einen anderen Grund an, warum Tierhalter besorgter sind. Er ist seit 30 Jahren als Tierarzt tätig und arbeitet in der Tierklinik Stockrüti in Berg. Ihm fällt die Tendenz auf, die Haustiere zu überbehüten. «Das ist nicht nur im medizinischen Bereich der Fall, sondern auch im Alltag», sagt er. Etwa dann, wenn der Hund seinem Wesen entsprechend herumtollen will.

Inauen setzt bei zu besorgten Tierbesitzern auf Aufklärung. Ganz so einfach ist das aber manchmal nicht. Gibt er im schlimmsten Fall ein Placebo? «Nein, dann mache ich einfach weitere Untersuchungen, bis ich auch die letzte Sorge der Tierbesitzer geklärt habe», sagt er.

Laut Inauen werden Hunde schneller zum Tierarzt gebracht. Der Tierarzt vermutet, dass die emotionale Bindung zum Hund oftmals am stärksten ist und deshalb dessen sozialer Stellenwert höher als bei andern Haustieren ist. «Der Hund ist ein ständiger Begleiter und überall dabei», sagt er. Tina Rieser von der Tierarztpraxis Lindenacker in Eschlikon hat die gleiche Beobachtung gemacht. Nebst dem höheren sozialen Stellenwert des Hundes kommt ein weiterer Umstand dazu: «Hunde zeigen schneller ihr Unwohlsein als Katzen», sagt die Tierärztin.

Wie können besorgte Besitzer beruhigt werden? «In den meisten Fällen reicht ein klärendes Gespräch am Telefon», sagt Selina Fehr, Assistentin in der Tierarztpraxis «Hölzli» in Amriswil. Klappt das nicht, hilft eine Untersuchung. Für die auszubildende Tiermedizinische Praxisassistentin Evelyn Eberle gehört das Beruhigen der Tierhalter schlichtweg zum Alltag. Sie arbeitet in der Kleintierpraxis Animaldoc in Weinfelden. «Manchmal muss man einfach nur geduldig sein und beispielsweise erklären, dass ein loser Zahn beim Hund kein Notfall ist», sagt sie.