«Tiere sollten Menschen nicht dienen müssen»

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Hat Tiere viel zu gern, um sie zu essen: Cristina Roduner im Garten vor ihrem Haus. (Bild: Nana do Carmo)

Hat Tiere viel zu gern, um sie zu essen: Cristina Roduner im Garten vor ihrem Haus. (Bild: Nana do Carmo)

Ich bin Veganerin. Allein dadurch fühlen sich manche Menschen provoziert. Ich sage: «Ich lebe vegan», und sie hören: «Fleischesser sind Mörder.» Wenn ich mit Bekannten essen gehe, werde ich oft gefragt, warum ich Veganerin bin. Grundsätzlich rede ich gerne über meine Überzeugung, aber während des Essens lieber nicht. Denn dabei geht es um Massentierhaltung, um das Leid und Elend der Tiere. Das sind keine schönen Themen für ein Tischgespräch.

Ich habe mir nie viel aus Fleisch gemacht. Als Jugendliche habe ich mehrere Jahre vegetarisch gelebt. Gesundheitlich ging es mir aber nicht so gut. Der Arzt meinte, ich solle wieder Fleisch essen. Jetzt weiss ich, dass ich mich damals sehr einseitig ernährt habe, zu viel Käse, zu wenig Hülsenfrüchte.

Vor zwei Jahren habe ich beschlossen, wieder fleischlos zu leben. Ein Freund sagte: «Wenn es Dir um das Wohl der Tiere geht, dann solltest Du Veganerin werden.» Erst dachte ich, das ist mir zu extrem. Aber je intensiver ich mich damit beschäftigt habe, umso sinnvoller erschien es mir.

Wir Veganer essen nichts, was von Tieren kommt, also auch keine Milch und keine Eier. Wir sind der Meinung, Tiere sollten nicht im Dienst von uns Menschen stehen. Deshalb sind wir auch gegen Zoos und Zirkusse. Ich trage keine Lederschuhe mehr und auch keine Kleider aus Seide oder Wolle. Das ist weniger schlimm, als es klingt. Vegane Schuhe zum Beispiel kann man im Internet bestellen. Mit der Zeit weiss man, wo man was findet.

Der Anfang war trotzdem nicht einfach. Ich bin in eine völlig neue Welt eingetaucht. Erst wusste ich gar nicht mehr, was ich kochen sollte. Meistens gab es dann Gemüse und Salat.

Meine Familie war ziemlich verunsichert, obwohl sie sehr aufgeschlossen ist. «Was kannst Du denn jetzt noch essen?», hat mein Vater gefragt. Inzwischen sind wir gut aufeinander eingespielt. Auch ich bin lockerer geworden, und bei Familienfesten gibt es jetzt am Buffet immer auch ein paar vegane Gerichte. Das freut mich.

Mein neuer Lebensstil bedeutet für mich keinerlei Verzicht, mir fehlt überhaupt nichts. Im Gegenteil, es ist wie eine Befreiung von alten Mustern. Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Meine Allergien sind verschwunden. Die Haare und die Nägel sind kräftiger.

Abgenommen habe ich nicht, das liegt wohl daran, dass ich nicht nur die Ernährung umgestellt, sondern gleichzeitig aufgehört habe zu rauchen. Mein Freund ist Vegetarier. Mit jemandem, der Fleisch isst, wäre das Zusammenleben wahrscheinlich schwierig. Wir laden gerne Gäste ein. Ich koche dann richtig aufwendige Menus, weil ich zeigen möchte, wie vielseitig und gut die vegane Küche ist.

Vegan zu leben, stimmt für mich. Ich habe Tiere viel zu gerne, um aus ihnen Nutzen zu ziehen. Kühe zum Beispiel geben nur Milch, um ihre Jungen aufzuziehen. Wir Menschen machen sie aber zu Turbo-Milchproduzenten, nur damit wir die Babynahrung einer anderen Spezies essen können. Das macht doch keinen Sinn. Ausserdem verursacht unsere fleischreiche Ernährung grosse globale Umweltprobleme.

Mein Freund und ich kaufen viele Nahrungsmittel im Bioladen, obwohl Migros und Coop inzwischen eine vegane Produktelinie führen. Ich glaube, es etabliert sich langsam, nachdem es so berühmte Veganer gibt wie Michelle Pfeiffer, Bryan Adams oder Bill Clinton.

Am schwierigsten ist das Essen im Restaurant. Es gibt bisher nur wenige vegane Lokale im Thurgau. Bevor wir hingehen, rufe ich meistens an und erkläre, dass ich Veganerin bin. Ein professioneller Koch sollte auf solche Extrawünsche eingehen können, denke ich. Die meisten tun das auch.

Einige stellen mir einfach etwas Fleischloses hin. Am Geschmack merke ich dann manchmal, dass es gar nicht vegan ist.

Aber ich glaube, es ist alles eine Frage der Zeit.

Aufgezeichnet von Ida Sandl

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