Thurgaus schlechter Ruf bei Pfadis

Im Thurgau sei, im Vergleich zu anderen Kantonen, kein Waldstück als Lagerplatz zu bekommen, kritisiert die Pfadi. Das Thurgauer Forstamt findet die Kritik übertrieben. Man unterstütze Jugendorganisationen, die ein Lager organisieren.

Silvan Meile
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Das Thurgauer Forstamt will möglichst keine Zelte und Lagerbauten im Wald. Hier ein Pfingstlager im Jahr 2010 im Tobelacker in Braunau. (Bild: Nana do Carmo)

Das Thurgauer Forstamt will möglichst keine Zelte und Lagerbauten im Wald. Hier ein Pfingstlager im Jahr 2010 im Tobelacker in Braunau. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Das Thurgauer Forstamt will einen Wildwuchs an Zeltlagern von Jugendorganisationen wie der Pfadi verhindern. Vor einigen Jahren erarbeitete der Kanton ein Merkblatt, damit die Organisatoren der Zeltlager ganz genau wissen, was unter Berücksichtigung des kantonalen Waldgesetzes erlaubt ist, wer informiert werden muss und an welchem Standort ein Zeltlager toleriert wird. «Ein Lager im Wald ist im Thurgau praktisch unmöglich», weiss Marco Keller, Kommunikationsverantwortlicher der Pfadi Thurgau.

So scheint es sich jedenfalls unter den Kantonalverbänden der Pfadfinder herumgesprochen zu haben. «Ich weiss von Pfadis, die deshalb von Lagern im Thurgau abgesehen haben», sagt Ueli Reber, Leiter des Pfadi-Kantonalverbandes St. Gallen und beider Appenzell. Im Kanton St. Gallen sei es deutlich einfacher, einen Lagerplatz im Wald zu finden. Sobald der Grundeigentümer einverstanden sei, genüge es, die Gemeinde über das Lager in Kenntnis zu setzen. Diese leitet die Information dann an das zuständige Kantonsforstamt weiter, welches im Zweifelsfall über eine Durchführung am geplanten Standort entscheiden. «Im Kanton St. Gallen ist mir jedoch kein Fall bekannt, bei dem das Forstamt ein Pfadilager verhinderte», sagt Reber.

Einst Handschlag, heute Vertrag

«Verbände anderer Kantone empfingen es als mühsam, im Thurgau ein Lager durchzuführen, das hören wir immer wieder», sagt Marco Keller von den Thurgauer Pfadfindern. Bürokratische Hürden würden sich den Leitern in den Weg stellen. Für ein grösseres Lager müssen etwa nebst den Landeigentümern auch der Revierförster, die Jagdgesellschaft, die Gemeinde und das kantonale Forstamt informiert werden. Keller lobt aber auch eine gewisse Unterstützung durch das Thurgauer Forstamt, wenn es darum geht, die erwähnten Behörden und anliegende Grundbesitzer in Kenntnis zu setzen. Doch früher sei es deutlich einfacher gewesen. Noch vor zehn, zwanzig Jahren habe ein Handschlag mit dem Grundeigentümer genügt. Heute brauche es einen Vertrag und Bewilligungen.

Im Wald am falschen Platz

«Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem eine Jugendorganisation aufgrund unserer Richtlinien von einem Lager im Thurgau absah», sagt Kantonsforstingenieur Daniel Böhi. Das vor drei Jahren vorgestellte Merkblatt sei vielmehr eine Hilfestellung. «Wir sind der Meinung, dass das keine Verschärfung ist, sondern eine Unterstützung.» Wenn ein Lager an einem falschen Platz geplant sei, biete man Alternativen an. Ein Zeltlager im Wald ist aber im Thurgau grundsätzlich am falschen Ort. «Wir müssen unseren Waldflächen besonders Sorge tragen», sagt Böhi. Mit 20 Prozent des Kantonsgebiet sei der Anteil Wald im Thurgau nicht nur deutlich tiefer als im schweizweiten Mittel von 30 Prozent. Auch die kleinräumigen Eigentümerstrukturen mit viel Privatbesitzern stelle im Thurgau eine andere Situation dar als beispielsweise im Kanton St. Gallen oder Graubünden.

Rasch seien hier diverse Grundeigentümer auch als Anstösser eines Lagers tangiert. Deshalb koordiniere das Forstamt und informiere die betroffenen Stellen. Aus diesem Grund verlange man von den Lager-Organisatoren eine Meldung über die Durchführung ihrer Veranstaltung. Erst wenn die Anzahl Teilnehmer multipliziert mal Anzahl Tage des Lagers den Wert von 500 übersteigt, brauche es effektiv eine Bewilligung. Das sei etwa für ein kantonales Pfadilager der Fall. Dass es für Jugendorganisationen aber auch sonst laufend schwieriger wird, einen Lagerplatz zu finden, stellt auch Forstingenieur Böhi nicht in Abrede.

Plätze werden rarer und teurer

Erschwerend kommt für Organisationen wie die Pfadi etwa hinzu, dass viele Bauern ihre Ökowiesen am Waldrand vor Mitte Juni nicht mähen, um von entsprechenden Beträgen der Direktzahlungen profitieren zu können. Das lässt die Standorte noch rarer und die Preise dafür höher werden. «Wir bezahlen heute zwischen 100 und 200 Franken für einen Standort am Waldrand, während unsere Einnahmen durch gekürzte Beiträge von Jugend+Sport zurückgehen», sagt der Thurgauer Pfadi-Sprecher Marco Keller. Nichtsdestotrotz werden auch am kommenden Pfingstwochenende rund 20 Pfadilager in der Thurgauer Natur stattfinden.