Thurgauer schneiden schlechter ab

Jeder dritte Kandidat besteht im Thurgau die praktische Fahrprüfung nicht. Bessere Ergebnisse erzielen die Fahrschüler in den beiden Appenzeller Kantonen und in St. Gallen. Generell beklagen die Fahrlehrer, dass Neulenker zu unaufmerksam seien und zu oft den Vortritt missachten würden.

Inge Staub
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Übung macht den Meister: Diese Fahrschülerin lässt sich vom Fahrlehrer die Verkehrsregeln erklären. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Übung macht den Meister: Diese Fahrschülerin lässt sich vom Fahrlehrer die Verkehrsregeln erklären. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

FRAUENFELD. Auch Autofahren will gelernt sein. 4671 Thurgauerinnen und Thurgauer traten letztes Jahr bei den Strassenverkehrsämtern in Frauenfeld, Amriswil und Tägerwilen zur praktischen Fahrprüfung fürs Auto an. Doch nur knapp zwei Drittel (63,5 Prozent) hatten nach der Fahrt mit dem Experten den Führerausweis in der Tasche. Mit dieser Erfolgsquote schneiden die Thurgauer im Ostschweizer Vergleich am schlechtesten ab.

• St. Gallen 72 %

• App. Innerrhoden 71,4 %

• App. Ausserrhoden 72,6 %

Weshalb fällt im Thurgau jeder dritte bei der Prüfung durch? Sind die Thurgauerinnen und Thurgauer schlechtere Autofahrer als ihre Zeitgenossen in der übrigen Ostschweiz? «Das trifft sicher nicht zu», nimmt Ernst Rudolf Anderwert, Geschäftsführer des Strassenverkehrsamtes Thurgau und Präsident der Vereinigung der Strassenverkehrsämter, die Thurgauer in Schutz. Auch Georges Burger vom Strassenverkehrsamt St. Gallen hebt hervor: «Die St. Galler fahren nicht besser als die Thurgauer.»

Kürzere Prüfung im Tessin?

Laut Vereinigung der Strassenverkehrsämter sind die Prüfungsbedingungen in der ganzen Schweiz dieselben. Ravaldo Guerrini, Sekretär des Verbandes Ostschweizer Fahrlehrer, ist dagegen überzeugt, dass die «Anforderungen nicht überall gleich sind». Im Tessin etwa sei die Prüfungszeit kürzer als in anderen Kantonen.

Ernst Rudolf Anderwert und Georges Burger führen die regionalen Unterschiede auf andere Faktoren zurück: die Vorbereitung der Kandidaten, die Art der Prüfstrecken (eher städtisch oder ländlich) und die Verkehrssituation während der Prüfung.

Dass die Vorbereitung eine wichtige Rolle spielt, belegen Ernst Rudolf Anderwert und Georges Burger mit der Erfolgsquote von 53 Prozent im Kanton Waadt. In der Romandie würden die Kandidaten eher früher zur ersten Prüfung antreten und dann durchfallen. «Autofahren ist Routinesache», betont Ernst Rudolf Anderwert. Je mehr Stunden der Kandidat gefahren sei, desto sicherer sei er an der Prüfung. «Leider üben Schüler oft Druck auf den Fahrlehrer aus, damit sie mit möglichst wenig Stunden an die Prüfung können und so Geld sparen», sagt Anderwert.

Dass viele Fahrschüler schon nach wenigen Übungsstunden zur Prüfung antreten wollen, das bestätigt auch Fahrlehrer Guerrini: «Wir werden immer mehr zum Prüfungsbegleiter, eigentlich sollten wir Ausbilder sein.» Es ärgert ihn, dass viele Neulenker nicht bereit sind, Geld für Fahrstunden auszugeben. Geld, das sie letztlich in ihre eigene Sicherheit und die der anderen Verkehrsteilnehmer investieren würden.

Die Fahrlehrer stellen nicht nur jenen, die durchfallen, ein schlechtes Zeugnis aus, sondern auch denjenigen, die die Fahrprüfung bestehen. Eine Umfrage von «L-Drive», der Zeitschrift des Schweizerischen Fahrlehrerverbandes, bei Behörden, Fahrlehrern und anderen Experten ergab, dass Junglenker die Verkehrsregeln zu wenig kennen und auch zu wenig Erfahrung in der Bedienung des Fahrzeugs haben.

Mehr als 70 Prozent der Neulenker beachten demnach den Rechtsvortritt nicht, haben Mühe mit Lenken, Schalten, Kuppeln, passen die Geschwindigkeit nicht an, vergessen beim Abbiegen den Seitenblick und halten auf der Autobahn den Sicherheitsabstand nicht ein.

Unfälle wegen Ablenkung

Laut einer Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung sind Unaufmerksamkeit und Ablenkung, Missachtung des Vortritts und zu schnelles Fahren die häufigsten Ursachen für schwere Unfälle. «Der Verkehr ist heutzutage sehr dicht. Das erfordert vom Fahrer die volle Konzentration. Wer meint, er kann während des Autofahrens telefonieren, ist falsch gewickelt», warnt Ernst Rudolf Anderwert.

Dass ein Drittel im Thurgau die Fahrprüfung nicht besteht, hat mit Blick auf die Unfallverhütung auch eine positive Seite: Die Bevölkerung kann darauf vertrauen, dass die Experten in Frauenfeld, Amriswil und Tägerwilen nur jene auf die Strasse lassen, die zu diesem Zeitpunkt das Autofahren mit grosser Sicherheit beherrschen.