THURGAUER PREISTRÄGERIN: Ihr Rapsöl ist in aller Munde

Ewa Kressibucher aus Lanzenneunforn erhält den diesjährigen Thurgauer KMU-Frauenpreis. Die 41-Jährige schafft es mühelos, von der Rolle als vierfache Mutter in die Rolle der Geschäftsfrau zu wechseln. Das ist eines ihrer Erfolgsrezepte.

Sebastian Keller
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Lanzenneunforn TG - Ewa Kressibucher, sie erhält den 6. Thurgauer KMU-Frauenpreis. Ewa in ihrem Hofladen, wo ihre Produkte wie das bekannte Rapsöl verkauft werden. (Bild: Andrea Stalder)

Lanzenneunforn TG - Ewa Kressibucher, sie erhält den 6. Thurgauer KMU-Frauenpreis. Ewa in ihrem Hofladen, wo ihre Produkte wie das bekannte Rapsöl verkauft werden. (Bild: Andrea Stalder)

Jonny kräht. Es scheint, also ob der Hahn für die Hintergrundmusik zuständig wäre. Just in dem Moment, als der Besucher die Tür zum Hofladen der Familie Kressibucher erblickt. Im Laden, in den gerade einmal ein Auto passen würde, gibt es Raps-Nusstörtli, Raps-Grissini, Rapskerne, mit Rapsöl verfeinerte Saucen und natürlich Rapsöl zu kaufen. Raps: Das ist der Rohstoff, auf dem das Geschäft der Naturöl AG gründet. Deren Chefin ist Ewa Kressibucher. Eine Frau, die in einem Werbespot für Fröhlichkeit mitwirken könnte. Sie lacht viel, lächelt noch mehr. 

Zur Fröhlichkeit trägt der Thurgauer KMU-Frauenpreis bei, den sie am 22. September erhält. «Dieser Preis erfüllt mich mit Stolz», sagt sie. Sie sieht ihn als Wertschätzung dafür, «dass ich mir ein Bein ausreisse». Unterdessen sitzt sie am Tisch im Degustationsraum, früher ein Pferdestall. 
 

Mit der Fluggesellschaft Swiss am Verhandeln

Die Rapsöl-Produkte aus Lanzenneunforn sind heute vor allem in Hofläden, aber auch bei Landi und Volg, in Reformhäusern und weiteren Geschäften erhältlich. Im Onlineshop bestellen die Kunden von weit her. Und aktuell, verrät Ewa Kressibucher, verhandelt sie mit der Swiss. Wenn es klappt, verfeinern die Öle vom Seerücken eine Zeit lang die Speisen in den Lounges der Fluggesellschaft. «Das wäre eine super Möglichkeit», sagt die 41-Jährige. Lanzenneunforner Rapskerne fliegen bereits um die Welt – Gate Gourmet, der Essenslieferant der Fluggesellschaften, zählt bereits zu den Kunden. 

Wenn Ewa Kressibucher von Erfolgen erzählt, wirkt sie nicht prahlerisch, sondern wie eine siegreiche Sportlerin, die weiss, dass hinter dem Erfolg vor allem eines steckt: viel Arbeit, sehr viel Arbeit. 

Begonnen hatte es im Jahr 1998. Ewa Kressibucher, ihr Mann Thomas, sein Bruder Daniel und dessen Frau Veronika machten sich Gedanken über die Zukunft des Hofes. Das Ziel: Der Bauernhof mit Schweinezucht sollte Lebensgrundlage für zwei Familien bieten. «Mein Schwager Daniel hatte die Idee, dass wir Rapsöl herstellen könnten», sagt Ewa Kressibucher. Raps bauten sie zwar bereits an, verkauften ihn aber weiter. Vor 20 Jahren galt das Öl aus dieser Pflanze in der Schweiz noch nicht viel. Olivenöl war in aller Munde. Doch die Kressibuchers setzten auf das heimische Produkt: kalt gepresstes Rapsöl. Sie boten es erstmals auf dem Markt in Gottlieben an. Das kam an. Die Produktpalette wuchs. Mit steigender Nachfrage stieg auch der Personalbedarf. «Im vergangenen Jahr habe ich die AHV von 23 Personen abgerechnet», sagt Ewa Kressibucher. 
 

Sie wechselt ihre Rolle blitzschnell

Gewachsen ist auch die Familie: Drei Buben und ein Mädchen im Alter von vier bis elf Jahren beleben den «Bienenstock» der Kressibuchers. Ihre Aufgabe beschreibt Ewa Kressibucher deshalb auch so: «Ich mache den Spagat zwischen Familien- und Geschäftsfrau.» Ein Müsterchen bietet sich, als ein Sohn während des Interviews die Tür zum Degustationsraum öffnet. Am Türgriff hangelnd erzählt er von seinen Plänen. Sofort ist sie Mutter, hat ein offenes Ohr, fragt nach. Kaum ist der Kleine auf dem Weg, seinem Bruder beim Mähnen zu helfen, ist sie wieder Geschäftsfrau. Der ständige Rollenwechsel gehört zu ihrem zum Alltag. Freizeit-, Arbeit-, Familienzeit – diese Bereiche verschmelzen. E-Mails beantwortet sie auf dem Smartphone während des Ausritts, Telefonate ebenfalls. «Mein Pferd reagiert gar nicht mehr, wenn es in der Satteltasche surrt.» Während sie das erzählt, legte sie ihre Handfläche an die  Stirn – ja, ihr Leben komme ihr phasenweise etwas surreal vor. Aber: Freizeit gebe es doch. «Ewa frei» steht dann in der Agenda. Diese Zeit ist für die Kinder reserviert. 

Doch Chefin zu sein, bringe auch unangenehme Situationen mit sich. Aussprachen mit Mitarbeiterinnen beispielsweise. «Ein Unternehmen kann man nicht nur mit dem Herzen führen», sagt Ewa Kressibucher. Probleme spreche sie direkt an, weise auf Qualitätsmängel hin. Denn: Ihr Name steht auf der Etikette jedes Produkts, sie bürgt damit für Qualität. Mit dem Wachsen des Unternehmens habe sie Verantwortung abgeben müssen. Dies sei ihr nicht schwergefallen. Es gebe aber auch Dinge, die weiterhin Chefsache seien. Etwa die Hofführungen. Bis zu viermal in der Woche zeigt sie Vereinen und Firmen, wie Rapsöl produziert wird und was Landwirtschaft im 21. Jahrhundert bedeutet. Marketing auch. Wie Hahn Jonny, der die passende akustische Atmosphäre für den Hofladen kräht.