Thurgauer mixen ihren Strom neu

FRAUENFELD. Der grösste Teil des Stroms, den das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau verkauft, stammt aus Wasserkraftwerken. Damit hat sich der Strommix innert fünf Jahren radikal verändert – weg vom Atomstrom.

Christof Widmer
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Thurgauer Elektrizitätswerke kaufen überdurchschnittlich viel Strom aus Wasserkraft ein: Neues Kraftwerk am Aare-Hagneck-Kanal beim Bielersee. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Thurgauer Elektrizitätswerke kaufen überdurchschnittlich viel Strom aus Wasserkraft ein: Neues Kraftwerk am Aare-Hagneck-Kanal beim Bielersee. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Der Atomstromanteil im Thurgau ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Noch 2010 setzte das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT) 82 Prozent Atomstrom ab. Der Rest war im wesentlichen Strom aus Wasserkraft. Mittlerweile ist der Atomstromanteil rapide gesunken. 61 Prozent des Stroms, den das EKT absetzt, stammt aus Wasserkraftwerken. 4 Prozent sind Atomstrom, und weitere 4 Prozent stammen aus der Linie «Thurgauer Naturstrom» – also aus Thurgauer Kraftwerken. Diese Zahlen nennt Nicolas Rohner, Leiter Energie und Vertrieb im EKT.

Wie sich die restlichen 31 Prozent zusammensetzen, lasse sich nicht genau eruieren, sagt Rohner. Zur Kategorie «nicht überprüfbare Energieträger» gehört laut Branchenkreisen insbesondere der an den internationalen Börsen kurzfristig gehandelte Strom. Auch hier dürfte es aber einen Anteil von Wasserstrom haben, sagt Rohner.

Über dem Schweizer Schnitt

Der Stromanteil aus Wasserkraft liege im Thurgau 10 Prozentpunkte über dem Schweizer Durchschnitt, sagt Rohner. Möglich geworden ist diese kleine Thurgauer Energiewende durch den Handel mit Herkunftsnachweisen, den die nationale Stromnetzgesellschaft Swissgrid eingeführt hat. Er erlaubt es den Kunden des EKT, ihren Strommix selber zu bestimmen. Bei den Kunden handelt es sich neben Grossverbrauchern aus der Industrie in erster Linie um die meisten lokalen Elektrizitätswerke.

Früher war es so, dass das EKT von der Axpo einen fixen Strommix bezogen hat, der hauptsächlich Atomstrom enthielt. Der Rest stammte aus Wasserkraftwerken. «Heute sind im Stromhandel Energie und Ökologie getrennt», sagt Rohner. Das heisst: Strom fliesst so oder so durchs Netz – egal aus welcher Quelle. Welches Kraftwerk ein Endverteiler berücksichtigen will, bestimmt er durch den Kauf von Herkunftszertifikaten. Das sei inzwischen die marktübliche Praxis in der Schweiz, sagt Rohner.

Die Netzgesellschaft Swissgrid stellt die Herkunftsnachweise aus. Damit von einer Stromsorte nicht mehr Nachweise verkauft werden, als tatsächlich Strom produziert wird, führt Swissgrid eine Buchhaltung. Sie verrechnet auf der einen Seite die Einspeisung der Produktionsanlagen und auf der anderen Seite den Absatz.

Handel ermöglicht Konkurrenz

Die lokalen Werke müssen im neuen System Herkunftsnachweise kaufen, wenn sie ihren Strom ausweisen wollen. So leitet das EKT einerseits den physischen Strom an seine Kunden weiter. Andererseits handelt es mit den Herkunftsnachweisen. Will ein lokales EW zum Beispiel 100 Prozent Strom aus Wasserkraft haben, muss es die entsprechenden Herkunftsnachweise kaufen. Herkunftsnachweise für Atomstrom sind billiger, solche für Solarstrom teurer. Das System habe den Vorteil, dass es transparent ist, sagt Rohner. Zertifizierungsstellen wie die Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme SQS könnten demnach beim EKT prüfen, ob die Rechnung wirklich stimmt. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Herkunftsnachweise frei handelbar sind. Wenn etwa der eine Anbieter von Atomstromnachweisen zu teuer ist, kann das EKT einen anderen Anbieter wählen. «So herrscht Konkurrenz.»

Nach Angaben des Bundesamts für Energie steht es dem Verkäufer von Elektrizität frei, welchen Lieferantenmix er abgeben will. Auch ein Mix mit nahezu 100 Prozent nichtüberprüfbaren Energieträgern sei möglich. Allerdings wäre so die Transparenz gegenüber den Kunden nur eingeschränkt gewährleistet, schreibt das Bundesamt auf seiner Homepage.

Endverteiler fassen Vertrauen

Anfänglich hatten die Endverteiler noch Vorbehalte gegenüber dem Handel mit den Herkunftszertifikaten. Früher habe man Stromzertifikate irgendwo, auch im Ausland, kaufen müssen, sagt Othmar Schmid, Gemeindepräsident von Amlikon-Bissegg und Vizepräsident des Verbands Thurgauischer Elektrizitätsversorgungen. Heute sei aber gerade bei Strom aus Wasserkraft klar, dass er aus der Schweiz stammt. «Das hat Vertrauen geschaffen.»