Thurgauer in der Zypernkrise

NIKOSIA. Stefan Schläfli aus Frauenfeld lebt seit elf Jahren auf Zypern. Wie alle Bewohner der Urlaubsinsel hat auch er derzeit keinen Zugang zu seinen Ersparnissen. Sollte der Staat bankrott gehen, ist sein Job an der Universität gefährdet.

Inge Staub
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Diese zypriotische Demonstrantin macht ihre Haltung zur Zwangsabgabe auf Ersparnisse deutlich. (Bild: ky/Filip Singer)

Diese zypriotische Demonstrantin macht ihre Haltung zur Zwangsabgabe auf Ersparnisse deutlich. (Bild: ky/Filip Singer)

Derzeit blickt alle Welt auf Zypern. Nachdem das Parlament die von der EU geforderte Zwangsabgabe auf Bankguthaben abgelehnt hat, ist noch immer unklar, wie der Bankrott des Landes abgewendet werden kann. Stefan Schläfli erlebt die Krise hautnah mit. Der gebürtige Frauenfelder lebt dort seit elf Jahren. Der 48-Jährige unterrichtet an der Universität in Nikosia Spanisch. Er ist mit einer Zypriotin verheiratet. Das Paar wohnt in Nikosia.

Löhne an Uni gefährdet

Von der zyprischen Finanzkrise ist Stefan Schläfli persönlich betroffen. Sollte der Staat zahlungsunfähig werden, wird auch der Universität das Geld ausgehen. «Dann sind unsere Löhne und unsere Pensionskassen gefährdet», sagt der Thurgauer. Er erzählt, dass auch darüber diskutiert worden sei, die Gelder der Pensionskassen zur Rettung des Staates und der Banken einzusetzen. Er wäre froh, wenn dieser Vorschlag verworfen würde: «Wer garantiert uns, dass die Gelder den Pensionskassen zurückgezahlt werden?»

In Nikosia: Stefan Schläfli. (Bild: pd)

In Nikosia: Stefan Schläfli. (Bild: pd)

Im Moment hat Stefan Schläfli wie alle Bewohner Zyperns keinen Zugriff auf sein Erspartes. «Die Banken haben geschlossen», sagt er. Es ist lediglich möglich, einen kleinen Betrag vom Bancomaten abzuheben. Der Frauenfelder ist überzeugt, dass ein Grossteil der ausländischen Bankkunden ihr Geld abheben werden, sollten die Banken wieder öffnen.

Die Diskussion im Parlament über die Zwangsabgabe auf Bankguthaben hat Stefan Schläfli live am Radio mitverfolgt. Es hat ihn überrascht, dass die demokratische Partei, die die Kandidatur von Staatspräsident Nikos Anastasiadis unterstützt hatte, von Anfang an gegen das Rettungspaket war. Selbst die Abgeordneten der Regierungspartei hätten sich kritisch geäussert und sich der Stimme enthalten. Stefan Schläfli ist der Meinung, dass die EU-Kommission die politische Konstellation auf Zypern unterschätzt hat. Im präsidialen System seien Mehrheiten im Parlament nicht garantiert. Dass das Parlament die Vorgabe aus Brüssel klar ablehnte, erklärt Schläfli damit, dass die Nein-Stimmung im Volk sehr ausgeprägt war. «Viele haben es als ungerecht empfunden, dass die 100 000-Euro-Grenze unterschritten wurde. Das ging gegen die kleinen Sparer.» Natürlich hätten viele Politiker auch befürchtet, dass die ausländischen Grossanleger ihr Geld abziehen würden. Bei Summen zwischen 20 000 und 100 000 Euro war eine Abgabe von 6,75% vorgesehen, oberhalb von 100 000 Euro von 9,9%.

Das Problem der Zypernkrise ortet der Thurgauer darin, dass die Bankenbranche «völlig überdimensioniert» sei und der Staatsapparat zu viele Beamte habe. Politisch sei es nicht einfach, diesen Apparat zu verkleinern. «Das wollte bisher keiner anpacken.» Eine mögliche Lösung zur Rettung des Landes sieht Schläfli darin, dass die beiden Grossbanken, denen das Kapital ausgeht, verkauft würden. «Das wäre das Einfachste.» Würden die beiden Banken bankrott gehen, würden viele Leute ihr Geld verlieren; und Zypern brauchte Jahre, um als Finanzplatz wieder auf die Beine zu kommen.

Ob Russland helfen kann, darüber wagt Schläfli keine Prognose. Russland habe Zypern bereits vor zwei Jahren einen Kredit in Höhe von 2,5 Milliarden Euro gegeben. Auch ob die jetzt entdeckten Gas- und Erdölvorkommen die Krise beheben können, sei unklar.

Ein überschaubares Land

Dass Zypern in die Krise geschlittert ist, hat ihn verwundert. «Zypern ist ein überschaubares Land. Bislang hatten wir das Gefühl, dass die Regierung alles unter Kontrolle hat ausser dem Problem mit der Türkei.»

Der Frauenfelder hat vor, auf Zypern zu bleiben. Seine Zukunft hänge jedoch davon ab, ob er weiterhin seiner Arbeit an der Universität nachgehen könne. Er würde gerne bleiben, denn er mag das gute Klima der Urlaubsinsel und ihre Menschen. «Die Zyprioten sind sehr gastfreundlich.»

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