Thurgauer haben Pfahlbauerblut

In der Bronzezeit rodeten die Menschen zahlreiche Wälder und besiedelten den Thurgau flächendeckend. Die Quellenlage ist aber noch lückenhaft, denn über Siedlungen auf dem Land weiss man weniger als über Pfahlbauten.

Martin Knoepfel
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Auf dem Sonnenberg wurde bei Ausgrabungen im Jahr 2009 eine Siedlung entdeckt, die ab 4300 vor Christus bewohnt war. (Archivbild: Susann Basler)

Auf dem Sonnenberg wurde bei Ausgrabungen im Jahr 2009 eine Siedlung entdeckt, die ab 4300 vor Christus bewohnt war. (Archivbild: Susann Basler)

Haben die Nachfahren der Pfahlbauer etwas mit den Kelten zu tun? «Das ist eine der häufigsten Fragen bei Führungen», lacht Kantonsarchäologe Hansjörg Brem, als die TZ das von ihm wissen will. Heute gehe die Forschung davon aus, dass die Menschen, die in der Spätbronzezeit (siehe Kasten) hier lebten, keltisch sprachen. Das wäre Jahrhunderte, bevor griechische Geschichtsschreiber den Begriff Kelten prägten.

Genozid unwahrscheinlich

Man kann also sagen, dass die Thurgauer Pfahlbauerblut in den Adern haben, denn von den Kelten über die Römer und die Alemannen bis zur heutigen Zeit gibt es eine bevölkerungsmässige Kontinuität. «Zwischen der Spätbronze- und der Eisenzeit fand kein Bevölkerungsaustausch statt. Dass ein neues Volk einwanderte und die bisherigen Bewohner ausrottete, ist unwahrscheinlich», sagt Brem. «Vielmehr brauchte man jeden Arm, der arbeiten konnte.» Der letzte Beweis dafür fehle aber.

Der Kantonsarchäologe betont zugleich, dass die Quellen aber grosse Lücken aufweisen. Siedlungen in feuchten Gebieten erhielten sich gut. Über Dörfer auf dem Land weiss man erheblich weniger. Wenn die Bodensee-Thurtal- und die Oberlandstrasse gebaut werden, dürften vorgeschichtliche Dörfer entdeckt werden, wie das schon bei der A7 der Fall war.

Zudem weist der Kantonsarchäologe darauf hin, dass der Wasserstand des Bodensees immer schon stark schwankte. Vielleicht lägen Reste vorgeschichtlicher Siedlungen Hunderte Meter vom heutigen Ufer entfernt im Wasser oder aber am Land.

Flächendeckend besiedelt

Trotz aller Lücken in den Quellen steht für Brem fest, dass mit Beginn der Bronzezeit eine massive Veränderung einsetzte. In der Jungsteinzeit seien schlechte Höhenlagen nicht oder nur für eine Art Alpwirtschaft genutzt worden. Mit der Bronzezeit beginne die flächendeckende Besiedlung im Gebiet des heutigen Thurgau. Ein Zeichen dafür sind gemäss Brem die Einzelhöfe. Die Menschen jener Zeit rodeten offenbar in grossem Umfang Wälder, und in der Folge kam es zu Erdrutschen. «Ganze Ökosysteme kippten.»

Talboden ungeeignet

Neben den Siedlungen am Bodensee und im Seebachtal siedelten die Menschen auf dem Seerücken und an den Rändern des Thurtals. Der Talboden selber war für den Hausbau ungeeignet, eine Kiesebene, in der die Thur sich immer wieder neu ihr Bett suchte. Zudem gab es im Frühmittelalter eine riesige Überschwemmung, die eine Mauer des Kastells Pfyn wegriss. Heute sind die Ruinen des Kastells rund 300 Meter vom Fluss entfernt.

Siedlungsspuren aus der Bronzezeit finden sich auch im Hinterthurgau und im angrenzenden Teil von St. Gallen, etwa auf Iddaburg.

Überraschende Entdeckung

Ab etwa 5000 vor Christus ist im Thurgau Ackerbau nachweisbar. Das zeigt, dass die Menschen oder mindestens ein Teil davon sesshaft geworden waren. Brem nennt deshalb die 2009 auf dem Sonnenberg entdeckte Siedlung, die ab 4300 vor Christus bewohnt war, eine so grosse Überraschung für die Forschung, ja ein bisher fehlendes Bindeglied.

Bild: Martin Knoepfel

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