Thurgauer feiern Staatsbesuch

Vor hundert Jahren besuchte Kaiser Wilhelm II. die Schweiz. Der vom Militär begeisterte Gast besuchte vom 3. bis 6. September 1912 die Herbstmanöver. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, das die Bevölkerung bewegte.

Bettina Degen
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Kaiser Wilhelm II liebt Prunk und Militär

Kaiser Wilhelm II liebt Prunk und Militär

Der Kaiser kommt. Leer stehen die Fabriken und leer stehen die Schulhäuser, auf den Feldern arbeitet niemand. «Emil», sagte der Vater zum 15jährigen Sohn, «wenn so einer in unser Land kommt, um sich bei uns die Herbstmanöver anzusehen, dann tut sich was.» So klingt's in zeitgenössischen Erinnerungen. Und so war es auch: Die Vorfreude auf den hohen Gast und die militärischen Manöver mit fast 25 000 Soldaten in schmucken Uniformen ergriff schon Wochen im Voraus den Kanton Thurgau.

Weltweites Interesse

Am Nachmittag des 3. September 1912 traf der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Sonderzug in Basel ein. Eine Delegation von ranghohen Offizieren empfing den Gast aus dem Nachbarland und begleitete ihn nach Zürich zur offiziellen Begrüssung durch Bundespräsident Ludwig Forrer und die Bundesräte Giuseppe Motta und Arthur Hoffmann. In ihrer Begleitung wohnte der Kaiser verschiedenen Manöverübungen im Raum Ostschweiz bei.

Es war ein Grossereignis, das auf breite Aufmerksamkeit stiess. Wegen des kaiserlichen Besuchs reisten Vertreter aus aller Welt an und über 50 ausländische Medien berichteten vom Ort des Geschehens. Ferdinand Graf von Zeppelin kam sogar mit seinem Luftschiff auf Besuch.

Fast wie ein Volksfest

Die Thurgauer erfasste ein regelrechtes Kaiser-Fieber. Für Frauenfeld und Umgebung war der grosse Tag der 5. September.

Fahnen flatterten in den Strassen, Blumen und Girlanden hingen an den Häuser-Fassaden, Menschen drängten sich, um einen Blick auf den deutschen Herrscher werfen zu können – oder zumindest die 37 fremdländischen Uniformen von Militärvertretern aus aller Welt zu bestaunen. Am späteren Nachmittag verliess der Kaiser die Kartause Ittingen, in der er mit seinen Gastgebern und seinem Gefolge dinierte und übernachtete. Die Kartause übte «einen grossen Eindruck auf den hohen Gast» aus, wie die «Thurgauer Zeitung» schrieb. Bei seiner Ankunft im Bahnhof Frauenfeld spielte die Stadtmusik auf polierten Instrumenten «Sang an Ägir», ein vom Kaiser selbst komponiertes Musikstück.

Kaiser-Bahnhof ohne Kaiser

Da der deutsche Herrscher vor seinem Schweiz-Besuch gesundheitliche Probleme hatte, wurde das Programm etwas verkürzt. Das Nachsehen hatten die Aadorfer. Ihr extra wegen des Besuchs von Wilhelm II. gebauter, grosszügig gestalteter «Kaiser-Bahnhof» wurde links liegen gelassen. Der Kaiser nahm nicht den Zug, stattdessen brachte ihn ein Auto in die Kartause Ittingen und zum Manöver aufs Aadorfer Feld. Für die Aadorfer eine herbe Enttäuschung, hatten sie doch nun den schönsten Bahnhof der Region vorzuweisen.

Attraktion: Manöver und Kaiser

Wer konnte, versuchte irgendwie zum Manövergelände zu kommen. Die Bahnbetriebe und Wirte rüsteten sich für einen riesigen Andrang von «Schlachtenbummlern», wie die Schaulustigen genannt wurden. Tausende reisten in überfüllten Extrazügen, in Autos oder auf unzähligen Velos an. Das Publikum behinderte nicht selten die Manöver. Kinder schritten im Takt zum Trommel-«Tätäräm» den Soldaten hinterher, die Erwachsenen streckten die Köpfe. Sobald die Wagen des Kaisers und seines Gefolges erschienen, hatten die Ordnungskräfte alle Mühe, die Schlachtenbummler zurückzuhalten.

Ein fröhliches Durcheinander

Oftmals kam es zum Chaos zwischen Truppen und Schlachtenbummlern. So sahen sich Schaulustige plötzlich unter Feuerbeschuss, weil sie als Truppe erachtet wurden. Gegnerische Soldaten erklommen ungestört eine Anhöhe, da sie von der anderen Seite als Publikum wahrgenommen wurden. Und oft verrieten die Schlachtenbummler vorzeitig, wo die gegnerischen Truppen anwesend waren, so dass gar kein richtiges Gefecht entstehen konnte.

Alltag nach aufregenden Tagen

Am 7. September 1912 ging die Kaiserwoche zu Ende. Die Soldaten kehrten nach Hause zurück, die Kinder mussten wieder die Schulbank drücken, die Bauern im Manövergebiet begutachteten die entstandenen Landschäden.

Der Alltag im Thurgau zog wieder ein. Niemand ahnte damals, dass zwei Jahre nach dem Besuch Wilhelms II. der Erste Weltkrieg ausbrechen würde. Aus heutiger Sicht gilt die kaiserliche Stippvisite eher als gesellschaftlicher Anlass denn als ein Prüfen der schweizerischen Kampfstärke.

Quellen: •Alois Schwager: Die Kaiser- manöver von 1912, 1977 • Emil Gujer: Mit dem Vater am Kaisermanöver, 1979 • Albert Knoepfli: Geschichte von Aadorf, 1987 • Hermann Lei: Die 7. Division, 1988 • René Zeller: Ostschweizer Korps- geist, 2003