Thurgauer fahren lieber selber

Seit auch Schweizer im Internet Mitfahrgelegenheiten organisieren können, steigen Angebot und Nachfrage stetig. Im Thurgau läuft es jedoch noch nicht rund. Hier fährt scheinbar jeder am liebsten alleine.

Donat Beerli
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Mitfahrer? Fehlanzeige. Silvio Marazzi aus Kreuzlingen wartet noch auf Pendler, die bei ihm einsteigen wollen. (Bild: Reto Martin)

Mitfahrer? Fehlanzeige. Silvio Marazzi aus Kreuzlingen wartet noch auf Pendler, die bei ihm einsteigen wollen. (Bild: Reto Martin)

Anrufen, einsteigen, mitfahren. Das Prinzip ist einfach – und vielleicht deshalb so erfolgreich. Der Boom um die Mitfahrgelegenheiten hat auch die Schweiz erreicht. Laut Pressesprecher Simon Baumann verzeichnet die Internetplattform «Mitfahrgelegenheit.ch» 50 Prozent mehr Nutzer als noch letztes Jahr. Und der Thurgau? Verglichen mit dem Rest der Schweiz laufe hier nicht gerade viel, sagt Simon Baumann.

«Jeder hat ein Auto»

Einer, der das ändern möchte, ist Silvio Marazzi. Er fährt jeden Morgen von Kreuzlingen nach Diessenhofen zur Arbeit – bis jetzt allein. Wer bei ihm mitfahren will, muss um 6 Uhr morgens auf der Matte stehen. Das scheint den potenziellen Mitfahrern zu früh zu sein. «Bis jetzt hat sich noch niemand auf das Angebot gemeldet», sagt der 30 Jahre alte Steinmetz. Dass man beim Mitfahren auch Geld sparen könne, interessiere hier keinen. In Deutschland sehe das ganz anders aus, sagt seine Freundin Felicitas Rentschler. Die Stuttgarterin, die vor Jahren zum Studium nach Konstanz kam und dann der Liebe wegen hier geblieben ist, hat das Angebot vor allem während ihrer Studienzeit benutzt, um die Eltern zu besuchen. «Zu Hause machen das alle», sagt sie. Wenn sie das Thema hier im Thurgau anspreche, ernte sie jedoch meistens ein Kopfschütteln als Reaktion. «Aber hier hat ja auch jeder ein Auto», sagt die 30jährige Deutsche.

Die Zahlen geben ihr teilweise recht. Das Strassenverkehrsamt Thurgau zählte im letzten Jahr rund 148 000 Thurgauer Kontrollschilder. Damit lag die Personenwagendichte bei ungefähr 600 Fahrzeugen pro 1000 Einwohner. Das ist klar über dem Schweizer Schnitt von 515. Auch «Mobility» hat einen schweren Stand im Thurgau. Das «Carsharing-Unternehmen» zählt hier nur gerade 1000 Kunden bei 250 000 Einwohnern. Zum Vergleich: Die Stadt Zürich hat 390 000 Einwohner und 20mal so viele Mobility-Kunden. «In dichtbesiedelten Gegenden sind wir einfach stärker gefragt», erklärt sich Alain Barmettler, Leiter Marketing und Kommunikation, die eher tiefe Zahl an Nutzern im Thurgau.

Es melden sich nur wenige

Urbanere Gegenden haben auch bei «Mitfahrgelegenheit.ch» einen grösseren Zulauf. Angebote ab und nach Zürich, Genf oder Basel sind auf der Website schnell gefunden. Angebote vom Thurgau aus kommen spärlich vor – und wenn, dann melde sich meistens niemand, sagen viele Anbieter. Die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit funktioniert immer gleich: Man legt Start- und Zielort fest, wählt ein Datum und sucht sich ein passendes Angebot aus. Sobald ein Treffpunkt mit dem Fahrer abgemacht ist, kann man einsteigen. Bezahlt wird entweder während der Fahrt oder im voraus über ein Buchungssystem auf der Website.

Günstiger als der Zug

Wie viel das Mitfahren kostet, hängt vom Anbieter der Fahrt ab. Felicitas Rentschler verlangt normalerweise 10 Franken pro 100 Kilometer. Das sei aber je nach Fahrer verschieden, sagt sie.

Günter Thomi fährt am Freitagabend von Arbon nach Savognin. Er hat noch zwei freie Plätze – und die sind für zwei Franken pro Person zu haben. «Gemeldet hat sich noch niemand», sagt er. Vielleicht ändere sich das ja, wenn die Menschen wieder Ski fahren gehen, hofft Thomi. Lohnen würde es sich allemal: Eine Zugfahrt mit Halbtax kostet für die gleiche Strecke 26 Franken.

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