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Thurgauer Erleuchtung

Olma-Krimi von Daniel Badraun – zwölfter und letzter Teil

Auf der Zufahrt zur Messe herrscht Gedränge. Im Schritttempo tuckern wir bis zum Haupteingang. Felix hält den dreirädrigen APE an, ich hole mein Transparent unter dem Sitz hervor und hänge es ans Verdeck. Beim Eingang steht der Security, der mich gestern nicht reinlassen wollte. «Du schon wieder?»

Schnell stecke ich ihm eine Fünfzigernote zu, den Rest meiner Einnahmen von gestern.

«Was willst du?»

«Dich wegen Bestechlichkeit anzeigen.» Er zuckt zusammen. «Ein Witz. Wir fahren jetzt da rein. Auftritt Thurgau, verstehst du?»

Gerade will ich wieder einsteigen, da packt mich eine eiserne Faust im Nacken. Hinter mir stehen die beiden Inkassohaie von Caporese und grinsen. «Pünktlich, Stauber. Wo ist das Geld?»

«Es wurde mir gestohlen», flüstere ich.

«Wie bitte?» Der Kleinere greift nach dem Messer.

«Ihr bekommt das Geld, gestern Abend nahm ich über zweitausend ein, mit den Staub-Blitzen kann man hier richtig Kohle machen. Etwas Geduld Freunde, dann klingelt die Kasse.»

«Und du bezahlst Verzugszinsen?» Der Kleinere lächelt.

«Gibt es ein Problem?» Der Security baut sich vor uns auf.

Der Lange lässt mich los. «Eine Diskussion unter Geschäftspartnern.»

«Unter Halsabschneidern.» Dem Kleinen verpasse ich einen Tritt ans Schienbein, um den Langen kümmert sich der Sicherheitsmann.

Ein Lob dem Thurgau

«Fahr los», rufe ich Felix zu und springe zu ihm in die Fahrerkabine. Wir rattern über den Vorplatz, schrammen an einer Mauer entlang, dabei wird das Transparent heruntergerissen. Wir kurven hin­ein in die Halle, in der die Thurgauer Leuen brüllen. Elegant gekleidete Frauen und Männer mit Weissweinglas und Häppchen springen zur Seite, als wir bei der Bühne ausrollen. Die amüsierten Blicke der geladenen Gäste streifen über das Fahrzeug und das Transparent, das wir hinter uns herziehen.

«Können wir bitte weitermachen?», ruft die Frau am Rednerpult. «Oder haben die Clowns mit ihrer Schrottkarre noch etwas für uns?»

Felix und ich steigen aus. «Ich wollte nur sagen ...», beginne ich, da sind bereits vier Sicherheitsleute da, die uns hinausführen wollen.

«Lasst sie ausreden», ruft eine Frau im Hintergrund. Es ist Simona Renner, die Apfelkönigin.

Die Frau am Rednerpult scheucht die Sicherheitsleute zur Seite. Da warten sie gespannt auf weitere Befehle. Neben ihnen stehen mit grimmiger Miene die beiden Geldeintreiber. Im Publikum sehe ich Carlo Renner und Rosario Caporese.

Ich nehme das Mikrofon. «Liebe Thurgau-Fans. Eigentlich müsste meine Freundin Mina Koster hier sein, sie wollte euch den neuen Werbeslogan für unseren Kanton vorstellen. Stattdessen stehen wir beide vor Ihnen, ein St. Galler Künstler und ein Ittinger Hilfsköhler.»

Es ist ganz still im Raum. «Drei Tage bin ich durch unseren Kanton gereist. Ich konnte Fabriken besuchen, erlebte, wie innovativ unsere Wirtschaft ist, wie vielen Menschen sie Arbeit gibt.» Carlo Renner lächelt zufrieden. «Ohne die intakte Natur zwischen Bodensee und Hörnli, liebe Freunde, ist unser Kanton aber gar nichts.» Königin Simona reckt den Daumen nach oben. «Am wichtigsten sind die Menschen, diejenigen, die schon länger hier sind, und auch die anderen, die von überall her einwandern, um mit uns zu leben.» «Bravo.» Rosario Caporese klatscht in die Hände. Er hat Tränen in den Augen.

«Ihnen allen», Felix nimmt mir das Mikrofon aus der Hand, «wollen wir dieses Kunstwerk widmen.» Er zeigt hinüber zum APE, aus dem einige Staub-Blitze ragen. «Es symbolisiert gleichermassen Aufbruch und Traditionsbewusstsein.»

Eigentlich wäre jetzt ein Applaus fällig, doch die Leute stehen einfach nur da und warten.

Ein Slogan für Mina

«Was ist jetzt mit dem Slogan?», fragt die Frau beim Rednerpult. «Der Vorschlag von Frau Koster lautet: Thurgau, unbeschwert anders’.»

«Bring endlich den Spruch, Florian, zeig, was du draufhast.» Meine Freundin Mina, die seit drei Tagen verschwunden ist, kommt zu uns auf die Bühne. ­Gesund und ohne Schrammen.

«Alles in Ordnung, Mina? Geht es dir gut? Haben dich die Entführer freigelassen?»

Gespanntes Gemurmel im Publikum.

«Später», flüstert sie. «Hast du nun einen Slogan, oder nicht?»

«Aber sicher.» Gemeinsam halten wir das Transparent hoch. «Thurgau, alles andere als verstaubt!»

Nun setzt Applaus ein, der kaum mehr aufhört. Caporese kommt auf mich zu, eskortiert von seinen beiden Geldeintreibern. Gleich werden sie mich packen. Und dann geht es ums Geld. Der Frauenfelder Pizzakönig greift nach meiner Hand. Wie viele Finger wird er mir abschneiden lassen? Für jeden geschuldeten Tausender einen?

«Io ... soldi ... niente», stammle ich. Wie soll ich ihm erklären, dass mir gestern Abend jemand mein ganzes Geld aus der Tasche zog?

«Signor Floriano, auguri! Herzliche Gratulation! Gut gemacht. Ein treffendes Bild. Mein Nonno fuhr noch mit dem APE aufs Feld. Sie haben mir eine grosse Freude gemacht.»

Er küsst mich auf beide Wangen. Der Lange und der Kleinere schauen ihren Chef erstaunt an. «Was ich noch sagen wollte: Ihre Schulden sind gestrichen.»

Ein Journalist der «Thurgauer Zeitung» will ein Interview. Felix erklärt ihm unsere neue Sicht auf die Dinge. Dann bedrängt uns der Direktor des Thurgauer Kunstmuseums, der das Werk von Felix und mir unbedingt in der Kartause Ittingen ausstellen will, weil die Stringenz der Aussage breit diskutiert werden müsse.

«Das sollte kein Problem darstellen», sagt Carlo Renner, «die Thurgauer Wirtschaft wird sich um die Finanzen kümmern.»

«Das wird aber teuer.» Ich deute auf die Apfelkönigin, die neben ihm steht. «Was halten Sie von einer hohen, fünfstelligen Summe?»

Renner nimmt mich etwas zur Seite. «Kein Wort über unseren Familienstreit, ich habe mich mit meiner Tochter versöhnt.»

Als es etwas ruhiger wird, verziehe ich mich mit Mina. Wir wetten beim Säulirennen und ich bestelle Wurst wie ein echter St. Galler.

«Wie war das mit der Entführung?»

«Ich musste verschwinden, sonst hättest du dich nicht angestrengt und mir diesen Top-Auftritt geliefert.» Lächelnd greift Mina in die Tasche und zieht ein Geldbündel heraus. «Das habe ich gestern Abend ... gefunden. Es gehört dir, oder?» Dann legt sie eine Senftube auf den Tisch. «Wir sind ja keine St. Galler.»

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