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THURGAUER DIALEKT: "Ase schöö"

Der typische, reine und unverkennbare Thurgauer Dialekt: Wer ihn sucht, wird ihn nicht finden. Denn er existiert gar nicht. Selbst wer weit zurückblickt, bleibt bei seiner Suche erfolglos.
Sabrina Bächi
Überall heisst sie anders: die Ameise. Im Thurgau wird sie «Wurmbaasle» genannt.Karte: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. (Bild: Karte: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz)

Überall heisst sie anders: die Ameise. Im Thurgau wird sie «Wurmbaasle» genannt.Karte: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. (Bild: Karte: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz)

Die Forscher sind sich einig: Der Thurgauer Dialekt gehört in der Schweiz zum Ostschweizer Dialekt, dessen Sprachraum sich von Schaffhausen bis ins untere Bündner Rheintal erstreckt.

Dem Aufruf unserer Zeitung, typische Thurgauer Wörter zuzusenden, sind einige Leser gefolgt. Anhand dieser Wörter lassen sich trotz Ostschweizer Einheitsdialekt ein paar Thurgauer Besonderheiten herausfiltern. Eine Spurensuche:

1. Zwei Grenzen im Thurgau: Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass die frühere Mittelthurgaubahn um 1900 ihre Zugstrecke ziemlich genau entlang der sogenannten Beggeli-Grenze erbaute. Diese Ost-West-Grenze von Kreuzlingen bis Wil teilte die Thurgauer Bevölkerung lange Zeit in weiche und harte G-Sprecher. Während Personen westlich der Beggeli-Grenze der Tasse «Beckeli» sagten, sprachen die östlich der Grenze lebenden Thurgauer dasselbe Wort mit weichem G, also «Beggeli», aus. «Diese Grenze gibt es immer noch», sagt Martin Graf vom Schweizerischen Idiotikon. Allerdings vermischen sich die Aussprachen zunehmend.

Die zweite innerthurgauische Grenze ist die sogenannte Thurgrenze. «Früher war die Thur ein schwer zu überwindendes Hindernis, deshalb haben sich bestimmte dialektale Varianten auch nicht vermischt.» Die Unterschiede lassen sich an einigen Beispielen gut aufzeigen. Die Zahl sechs spricht der Südthurgauer «sächs» aus, im Norden wird allerdings «seggs» gesagt. Im Süden sagt man «rite» für reiten, im nördlichen Teil «riite». Im Gegensatz zur Beggeli-Grenze hat sich die Thurgrenze aufgelöst. Graf vermutet, dass eher die nördliche Sprechweise übernommen wurde, «um es eindeutig festzustellen haben wir zu wenige Daten».

2. Spezielle Thurgauer Wörter: Eines der Wörter, das in fast allen Zusendungen enthalten war, ist das Wort für Papiersack – der «Chucher». Selbst das Schweizer Idiotikon weist dieses Wort als typisch Thurgauisch aus. Ebenso geht es der «Wurmbaasle», der Ameise. Dann und wann bricht die Thurgauer Mundart gar mit der Grammatik. Wer im Thurgau zum Morgenessen ein Ei bestellt, der will «en Eier». Die Pluralform hat sich hier eingeschlichen und festgesetzt.

3. Thurgauer Exportschlager: Eine typische und vom Aussterben bedrohte Eigenart der Thurgauer Mundart ist das lange A. Beispielhaft dafür sind die «Saapfe» für Seife oder auch «Laatere» für Leiter. Diese Form der Aussprache ist jedoch schon seit längerer Zeit im Rückzug begriffen. Bereits Studien aus dem Jahr 1911 zeigten, dass aus dem langen A ein Ai wurde. Das lange A hatte es vor allem deshalb schwer, weil im Thurgau ein urbanes Zentrum fehlte, das für eine Stabilisierung und Prestigeförderung dieser Art der Aussprache wichtig gewesen wäre.

Diese typische Thurgauer Eigenart führte gar zu einem Exportschlager: Dem «Laamsüüder». Damit ist eine antriebslose Person gemeint. Eigentlich stammt das Wort von Leimsieder ab. Durch die Thurgauer Verweigerung ein Ei auszusprechen, wurde aus Leim ein «Laam», was schliesslich mit lahm in Verbindung gebracht wurde. In dieser Hinsicht sind die anderen Schweizer Mundarten dem Thurgauer Dialekt auf den Leim gegangen. Ein weiterer Exportschlager aus dem Thurgau ist das Ostschweizer Wort für Wiese, also «Wis». Das aus dem Hochmittelalter stammende Wort ist im Thurgau seit dem 13. Jahrhundert bezeugt. Je westlicher der Sprachraum, desto jünger ist der Begriff «Wis» beziehungsweise «Wise». Im Luzernischen etwa gibt es die Wiese erst seit dem 16. Jahrhundert.


«Der Thurgauer Dialekt ist eine Illusion.» Martin Hannes Graf Schweizerisches Idiotikon. (Bild: pd)

«Der Thurgauer Dialekt ist eine Illusion.» Martin Hannes Graf Schweizerisches Idiotikon. (Bild: pd)

4. Das Zäpfchen-R: Was den Ostschweizer Dialekt am meisten von anderen unterscheidet, ist das Zäpfchen-R. Das soll auch der Grund sein, weshalb die Ostschweizer Mundart als unsexy gilt. «Eigentlich ist das Thurgauer Zäpfchen-R ein Jugendsprachphänomen aus dem letzten Jahrhundert», sagt Graf. Das bestätigen auch Untersuchungen von Dieter Studer vom Phonogrammarchiv in Zürich. Früher sprach der westliche Teil der Thurgauer das R gerade hinter dem Zahndamm und nicht am Halszäpfli. «Das Zäpfli-R hat ganz klar gewonnen», sagt Studer.

Zudem gibt es die Tendenz, das R vor allem am Ende eines Wortes gar nicht mehr auszusprechen, sondern durch Vokale zu ersetzten, sagen die Sprachforscher. «Das heutzutage charakteristische vokalisierte R zeigt sich auch bei SMS-Nachrichten von Jugendlichen», sagt Elvira Glaser, Professorin für germanische Philologie an der Universität Zürich. So werde nicht «aber», sondern «abo» geschrieben.

5. Das N, ein Rückschritt:Beobachtungen zeigen, dass in der jüngeren Mundart, vor allem in der Jugendsprache, der Buchstabe N nicht mehr als Bindung benutzt wird. Für «was ich mache» wird heute «wa ich mache» gesagt. Ältere Generationen verbinden die zwei Vokale mit einem N «wa-n-ich mache». Beobachtungen von 1911 zeigen allerdings, dass diese N-Bindung damals ein neues Phänomen war. So gesehen, ist der erneute Verzicht auf das Bindungs-N ein Schritt zurück.

"Bomm finde ich sehr sexy"

Der Weinfelder Radio- und Fernsehmoderator Reto Scherrer liebt den Ostschweizer Dialekt. Gerade für seinen Beruf hilft ihm die verständliche Mundart aus dem Osten sehr. Zuhause achtet er darauf, dass er seinen Töchtern typische Thurgauer Wörter beibringt.

Reto Scherrer, werden Sie oft von Zuhörern oder Zuschauern auf ihren Dialekt angesprochen?
Reto Scherrer: Oft nicht, aber es kommt vor. Das ist aber bei anderen Moderatoren auch der Fall. Die Rückmeldungen waren alle positiv.

Dann ist Ihr Dialekt kein Hindernis?
Scherrer:
Nein, im Gegenteil. Viele grosse Medienpersonen waren oder sind Ostschweizer, wie Mona Vetsch, Matthias Hüppi oder Kurt Felix. Ich bin der Meinung, dass man den Thurgauer Dialekt sehr gut versteht und es deshalb gerade als Moderator ein grosser Vorteil ist. Für mich ist es ein grosses Geschenk, dass ich im Thurgau aufgewachsen bin und diesen Dialekt spreche.

Reto Scherrer (Bild: Reto Martin)

Reto Scherrer (Bild: Reto Martin)

Was glauben Sie, macht es aus, dass man den Thurgauer Dialekt so gut versteht?
Scherrer:
Unser Dialekt ist sehr neutral. Wir können auch sehr gut Hochdeutsch sprechen, weil es unserem Dialekt nahe liegt. Kein anderer Dialekt ist so gut verständlich wie unserer.

Es gibt Umfragen, die zeigen, dass andere Schweizer finden, der Ostschweizer Dialekt sei unsexy.
Scherrer:
Das habe ich noch nie gehört und ich kann es auch gar nicht nachvollziehen. Das würde mich schockieren, wenn es so wäre. Ich habe beispielsweise noch nie von einem Mann gehört, dass er Mona Vetsch wegen ihres Dialekts unsexy findet. Ich glaube, das hat eher etwas mit der Stimme zu tun. Diese und die Tonlage machen viel mehr aus als der Dialekt. Mir jedenfalls ist eine angenehme Stimme wichtiger als der Dialekt.

Haben Sie ein Thurgauer Lieblingswort?
Scherrer:
Ja, Bomm. Dieses Wort finde ich sehr sexy (lacht). Aber ich sage es nicht oft. Ich glaube das würden die Zuhörer nicht verstehen.

Gibt es auch ein Thurgauer Schimpfwort, dass Sie benutzen?
Scherrer:
«Gottvertoori» sage ich häufig. Ich glaube, das ist ein typischer Thurgauer Ausdruck. Den höre ich auch von anderen Thurgauern.

Was ist mit «Laamsüüder»?
Scherrer:
Das ist das neue Lieblingswort meiner Tochter Emma. Das sagt sie sehr gerne zu mir. Wenn wir fort gehen und ich die Schuhe noch nicht an habe oder wieder einmal zu lange vor dem Spiegel stehe, dann sagt sie immer: «Papi, du bisch en Laamsüüder». Wir in der Familie haben auch das gegenteilige Wort erfunden – den «Schnellsüüder».

Ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Töchter Thurgauer Mundart sprechen?
Scherrer:
Den Thurgauer Dialekt erlernen sie sowieso automatisch. Das Wichtigste für mich ist, dass sie Schweizerdeutsch sprechen. Wenn sie «Treppe» statt «Stege» oder «Schrank» anstatt «Chaste» sagen, korrigiere ich sie sofort, da bin ich sehr pingelig.

Schreiben Sie Kurznachrichten wie SMS auf Schweizerdeutsch?
Scherrer:
Ja. Auch auf Facebook oder in einer SMS an meine Mutter schreibe ich auf Schweizerdeutsch. Ich finde es sogar befremdlich, wenn mir jemand auf Hochdeutsch schreibt. (sba)



Weitere Thurgauer Dialektwörter:

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