Thurgau will Bauzonen retten

FRAUENFELD. Um den Baulandbedarf für die nächsten fünfzehn Jahre zu berechnen, geht der Kanton vom Szenario eines starken Bevölkerungswachstums aus. Damit kann er einen grossen Landbedarf ausweisen. Ob der Bund das absegnet, ist offen.

Christof Widmer
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Visiere kündigen eine Überbauung an. Wie viel Bauland sie noch brauchen, müssen die Kantone dem Bund darlegen. (Bild: Urs Jaudas)

Visiere kündigen eine Überbauung an. Wie viel Bauland sie noch brauchen, müssen die Kantone dem Bund darlegen. (Bild: Urs Jaudas)

Gemeinden mit zu grossen Bauzonen bekommen ein Problem. Sie müssen damit rechnen, dass sie einen Teil des Baulandes auszonen müssen. Bauzonen dürfen nur noch den Landbedarf für die nächsten 15 Jahre umfassen. Das schreibt das neue Raumplanungsgesetz des Bundes vor. Der Thurgau will diesen Landbedarf nun so hoch als möglich ansetzen.

Wie viel Bauland ein Kanton einzonen darf, hängt vom erwarteten Bevölkerungswachstum ab. Wo von einem grossen Zuwachs auszugehen ist, darf auch mehr Bauland eingezont sein. Grundlage für die Annahmen über das Wachstum sind die Szenarien des Bundesamtes für Statistik. Es hat für jeden Kanton ein tiefes, ein mittleres und ein hohes Szenario berechnet. Der Thurgau nimmt nun das Szenario, dass ihm das höchste Bevölkerungswachstum vorhersagt; es geht von 316 000 Kantonseinwohnern bis 2035 aus (siehe Grafik). Wählte der Kanton das mittlere Szenario (286 000 Einwohner), wäre die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass die Gemeinden Bauland auszonen müssten, sagt Kantonsplanerin Andrea Näf.

Bund muss Annahmen prüfen

Ob der Kanton mit dem hohen Szenario durchkommt, ist unklar. Der Bund muss die Berechnung des Baulandbedarfes nämlich zusammen mit dem neuen kantonalen Richtplan absegnen. Der Bund empfehle den Kantonen, vom mittleren Szenario auszugehen, sagt Philippe Bovet, Mediensprecher des Bundesamtes für Raumentwicklung. Höhere Wachstumsszenarien seien zwar zulässig; der Bund werde aber prüfen, ob die Thurgauer Annahmen plausibel sind, wenn der Kanton die Richtplanung zur Genehmigung vorlegt.

Kantonsplanerin Näf ist zuversichtlich: «Der Kanton Thurgau hatte in den letzten Jahren stets ein überdurchschnittliches Wachstum der Einwohnerzahlen zu verzeichnen.» Es sei davon auszugehen, dass der Kanton auch künftig für Zuzüger attraktiv bleibt. «Ich glaube, dass auch der Bund dieser Logik folgen wird», sagt Näf.

Der Kanton St. Gallen nimmt derweil, wie vom Bund empfohlen, das mittlere Szenario als Grundlage – damit müsste die Hälfte der St. Galler Gemeinden Bauland auszonen (Ausgabe vom Mittwoch). St. Gallen weist aber ein tieferes Bevölkerungswachstum als der Thurgau aus. Die Differenz zwischen dem Thurgau und St. Gallen werde in den St. Galler Grenzregionen aber wahrgenommen, sagt der grüne Kantonsrat Toni Kappeler, Präsident von Pro Natura Thurgau. «Es kommt nicht gut an, wenn der Thurgau mehr Wachstum für sich beansprucht.»

Dass der Thurgau von einem hohen Bevölkerungswachstum ausgeht, daran hat Kappeler grundsätzlich keine Freude: «Das ist, als ob ein Mann, der auf sein Gewicht achten müsste, extra noch zu grosse Hosen kauft, um auf keine Berner Platte verzichten zu müssen.» Zudem traut Kappeler der Prognose nicht. Gerade was die Zuwanderung betrifft, werde es eine Abflachung geben. Durchaus denkbar sei auch ein Bevölkerungsrückgang ab 2035.

Bauzonen am falschen Ort

Selbst wenn der Thurgau seinen Baulandbedarf aufgrund des hohen Wachstumsszenarios festlegen darf – damit ist noch nicht gesagt, dass es zu keinen Auszonungen kommen wird. «Allfällige Auszonungen sind nicht ausschliesslich von der Wahl des Szenarios abhängig», sagt Kantonsplanerin Näf. Entscheidend sei vor allem, wo das Bauland liegt. Gesamtkantonal sei das Bauland nicht überdimensioniert, sagt Näf. «Aber auch bei uns befinden sich einige dieser Flächen nicht am richtigen Ort.» Sie will verhindern, dass Bauzonen an peripheren Lagen dazu führen, dass an zentralen Standorten, wo Wachstum stattfinden soll, Bauland fehlt. Mit der Wahl des hohen Wachstumsszenarios erhöhe sich der kantonale Spielraum.

Andrea Näf Chefin kantonales Amt für Raumentwicklung (Bild: pd)

Andrea Näf Chefin kantonales Amt für Raumentwicklung (Bild: pd)

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